Hinweis: Ich habe im Vorfeld das Lektorat und Korrektorat für dieses Buch übernommen. [Werbung]
Ein autobiografisches Werk, das Mut macht und Trauer sichtbar werden lässt
Schon der Untertitel von Christin Jordan verrät, wohin
die Reise geht: Was vergeht, was bleibt. Die Autorin erzählt in ihrem
Buch von der schwersten Zeit ihres Lebens. Im Oktober 2022 erhält ihr Mann
Cornell mit 35 Jahren die Diagnose eines metastasierten
Gallengangskrebses. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit,
geprägt von Hoffnung und Angst, aber auch von Liebe und Abschied. Christin Jordan
macht nicht Halt bei den Fakten; sie gibt ihrer Trauer eine Stimme und nimmt
ihre Leser*innen mit durch Monate des Abschieds, ihr erstes Trauerjahr als
junge Witwe und den Weg zurück ins Leben. Das Buch ist dabei keine theoretische
Abhandlung, sondern ein persönlicher Erfahrungsbericht über das Sterben und das
Weiterleben.
Literarische Qualität
Struktur und Form: Das Werk gliedert sich in
drei große Teile: Abschied, Weiterleben und Unser Weg
durch Schmerz und Heilung. Innerhalb dieser Abschnitte wechseln sich
Tagebucheinträge, Gedichte und erzählende Kapitel ab. Als Lektorin fiel mir
sofort auf, wie feinfühlig dieses Mosaik gebaut ist: die Gedichte setzen
emotionale Akzente, die Tagebuchfragmente geben dem Erlebten Unmittelbarkeit,
während die Erzählebenen den Blick weiten und die Ereignisse reflektieren.
Dieser Wechsel schafft einen rhythmischen Fluss, der den Leser nah an die
Erfahrung heranführt und zugleich Luft zum Nachsinnen lässt.
Sprachlicher Stil: Die Autorin schreibt klar,
bildhaft und poetisch. Bereits im Vorwort tastet sie an einem Baum entlang und
beschreibt die Rinde mal als rau, mal als glatt – ein Spiegel der Erfahrungen.
Metaphern aus der Natur begleiten den Text: das Krächzen des Windes, ein Sturm,
der sich legt, die Sonne als Hohn inmitten der eigenen Dunkelheit. Wo Worte
fehlen, spricht die Lyrik. Das Gedicht Seelenvertrag oder die Zeilen
über Ungewissheit wirken wie ein Innehalten; sie zeigen, dass Sprache
Heilung sein kann. Als Vielleserin und Lektorin schätze ich besonders die
Präzision dieser Bilder. Sie wirken nie plakativ, sondern entstehen aus
ehrlicher Innenschau.
Sorgfalt und Handwerk: Meine Perspektive als
Lektorin kann ich natürlich nicht ausblenden: Man merkt dem Manuskript an, wie
viel Zeit und Sorgfalt in der Überarbeitung stecken. Trotz der emotionalen Fülle
bleibt der Text strukturiert, die Kapitel sind durchdacht angeordnet,
Wiederholungen werden vermieden. Gerade weil ich den Entstehungsprozess
begleiten durfte, beeindruckt mich die Klarheit, mit der Christin Jordan
ihre Geschichte erzählt. Hier hat jemand nicht nur aufgeschrieben, was sie
erlebt hat, sondern einen literarischen Raum geschaffen, in dem Leser*innen
sich wiederfinden können.
Psychologische Tiefe
Die Stärke des Buches liegt für mich in der psychologischen
Offenheit. Jordan scheut nicht davor zurück, ihre Emotionen auszupacken: Angst,
Wut, Verzweiflung, Dankbarkeit und der zarte Hauch von Hoffnung stehen
nebeneinander. Sie fragt sich immer wieder, wie sich eine Beziehung verändert,
wenn der Tod unausweichlich wird und was es bedeutet, in Liebe loszulassen,
ohne aufzugeben. Die Leser*innen erleben, wie aus einer Frau, die sich selbst
als sicherheitsbewusst und schicksalsfremd bezeichnete, eine mutige Kämpferin
wird. Mut, so stellt sie fest, ist kein lautes Gefühl; er zeigt sich im
täglichen Weitermachen, im Mitfühlen und im Wiederaufstehen.
Die psychologische Tiefe entfaltet sich auch durch die
Perspektivwechsel. Neben ihrer eigenen Stimme gibt Christin Jordan ihrer
Tochter Clara Raum. Ein Kapitel widmet sich der Frage, wie Kinder den Verlust
eines Elternteils erleben und welche Unterstützung sie brauchen. Als Mutter
beschreibt sie die besondere Herausforderung, die Trauer des Kindes zu
begleiten und gleichzeitig den eigenen Schmerz auszuhalten. Dieses Einbeziehen
der Kinderperspektive hat mich besonders berührt, denn es bricht mit einem
gesellschaftlichen Tabu: Kinder trauern anders, aber sie trauern.
Nicht zuletzt ist das Buch auch ein Akt der Selbstreflexion.
Die Autorin betrachtet ihre Erwartungen ans Leben, ihre Vorstellungen von Mut
und Stärke und löst sich Stück für Stück aus dem Erwartungsdruck. Die
Gedankenschleifen zwischen „Ich muss stark sein“ und „Ich darf schwach sein“
erinnern daran, wie individuell der Trauerprozess ist. Durch diese Offenheit
entsteht ein Gefühl von Verbundenheit. Das Gefühl, nicht allein zu sein.
Gesellschaftliche Relevanz
Christin Jordans Erfahrung ist einzigartig und zugleich
stellvertretend. Das Thema „Krebs in der Familie“ wird selten öffentlich
verhandelt, und doch betrifft es viele. Mit ihrem Buch öffnet die Autorin einen
Raum, in dem Krankheit, Abschied und Trauer ausgesprochen werden dürfen. Sie
stellt Fragen, die über das Private hinausreichen: Wie gehen wir als
Gesellschaft mit todkranken Menschen um? Wie unterstützen wir Angehörige?
Welche Rolle spielen Palliativmedizin und Hospizarbeit, wenn ein junger Vater
im Hospiz verabschiedet wird?
Besonders relevant ist ihr Blick auf die Rolle der
Angehörigen. Sie beschreibt, wie sie als Sozialpädagogin selbst plötzlich in
der Rolle der Hilfesuchenden ist und wie es sich anfühlt, wenn
Unterstützungsangebote fehlen. Damit macht sie den Alltag von Care‑Arbeit
sichtbar, der in öffentlichen Debatten oft unsichtbar bleibt. Auch ihr Respekt
für das seelische Befinden ihrer Tochter regt zum Nachdenken über eine
traumasensible Begleitung von Kindern an.
Darüber hinaus stiftet das Buch eine neue Trauerkultur. Christin
Jordan lädt dazu ein, offen über Verlust, Überforderung und den Prozess des
Weiterlebens zu sprechen. Ihre Geschichte schenkt Hoffnung, Trost und
Verbundenheit. Sie ist damit mehr als eine persönliche Erzählung: Sie ist ein
Plädoyer für Empathie und dafür, Tabuthemen aus dem Schatten zu holen.
Persönliche Wirkung & Fazit
Bereits während des Lektorats spürte ich, dass dieses Buch
mich nicht loslassen würde. Jeder Abschnitt, den ich las, ließ mich innehalten
– als Lektorin, als Mutter und als Mensch. Ich war tief berührt von der
kompromisslosen Ehrlichkeit, mit der Christin Jordan ihr Leben in Worte
fasst. Ihre Sprache hat mich zum Weinen gebracht und zugleich getröstet. Die
Lektüre ist anspruchsvoll, nicht wegen des Stils, sondern wegen der Intensität
des Erlebten. Es geht um Abschiednehmen, um das Durchhalten in Zeiten, in denen
scheinbar jede Hoffnung schwindet, und um die Momente des Muts, wenn man den
Tag doch wieder meistert.
Für wen ist dieses Buch? Für alle, die selbst mit Krankheit
oder Verlust konfrontiert sind, kann es ein Begleiter sein. Für Angehörige
bietet es einen Einblick in das Seelenleben einer Betroffenen. Für Fachleute
aus Psychologie, Medizin oder Sozialarbeit liefert es wertvolle Perspektiven.
Und auch wer einfach nur eine literarisch dichte, authentische und
inspirierende Geschichte lesen möchte, wird hier fündig. Liebe & Mut: Was
vergeht, was bleibt ist ein Werk, das lange im Gedächtnis bleibt und den
Blick auf das Leben nachhaltig verändert.
Quellenhinweise
Die Rezension basiert auf der Lektüre des Buches. Ergänzende
Inhaltsangabe zum Buch stammt aus der Beschreibung bei LovelyBooks und
Hugendubel. Weitere Biografische Angaben über die Autorin wurden dem
Autorenportrait auf der Hugendubel‑Website entnommen.
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