Bon Voyage: Mit Papas Benz bis nach Marokko – Helge Timmerberg | Eine Rezension

Hinweis: Ich habe das Buch selbst gekauft. Es handelt sich um eine persönliche Lektüreempfehlung ohne wirtschaftliche Verbindung zum Autor oder zum Verlag. Aus rechtlichen Gründen kennzeichne ich den Beitrag dennoch als Werbung. 

Ein alter Mercedes, große Träume und ein bisschen Mut

Helge Timmerberg ist seit Jahrzehnten bekannt für seinen subjektiven, gonzoartigen Stil. Seine Reportagen und Reisebücher lesen sich wie Gespräche mit einem alten Freund. In Bon Voyage erfüllt sich der inzwischen 73-jährige Autor einen lange gehegten Traum: Er setzt sich in den geerbten silbernen Mercedes seines Vaters und fährt von St. Gallen quer durch Europa bis nach Marrakesch. Begleitet wird er vom Geist seines Vaters, dessen letzte Worte »Bon Voyage« ihm als Aufforderung zum Losfahren dienen. Der Roadtrip führt über die Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien nach Nordafrika und ist zugleich eine Reise zu sich selbst.

Literarische Qualität

Beim Lesen merkt man schnell: Wer hier mitfährt, reist nicht einfach von A nach B, sondern wird Zeuge eines inneren Monologs, in dem sich Erinnerungen, Beobachtungen, Gespräche und philosophische Einwürfe mischen. Helge Timmerberg stellt sich selbst Regeln für die Reise auf und bricht sie direkt am ersten Tag. Die Reise wird vom Überfall auf einen Rastplatz und der ständigen Konfrontation mit der eigenen Müdigkeit begleitet. Für mich (als langjähriges Fan-Girl und begeisterte Leserin) war die Vorfreude auf das Buch groß, und ich wurde nicht enttäuscht: Auch wenn die Geschichten gesetzter wirken als früher, erzählt Helge Timmerberg noch immer mit Witz, Selbstironie, spirituellem Charme und einem unbestechlichen Blick.

Als Lektorin schätze ich besonders die Handwerkskunst, mit der Helge Timmerberg seine Erzählungen spinnt. Sein Stil ist locker und direkt. Er beobachtet genau und beschreibt das, was er sieht, äußerst bildhaft. Große Themen wie Vergänglichkeit, Älterwerden, Freunde, Familie und Freiheit fließen nebenbei ein, sodass sich das Buch eher wie ein Tagebuch liest als wie ein klassischer Reisebericht. Kritische Stimmen bemängeln zwar eine gewisse "Altmänner-Attitüde" und Themen wie Harndrang oder Testosterontherapie, doch selbst in diesen Passagen überzeugt Helge Timmerbergs Sprache für mich. Diese Mischung aus Melancholie und Leichtigkeit, gepaart mit prägnanten Beobachtungen, hat mich immer begeistert und sie rettet auch dieses Buch über einige Längen hinweg. Pressestimmen fassen den Eindruck treffend zusammen: Das Buch sei »irre komisch und politisch inkorrekt«, Timmerberg könne »beschreiben, was er will, es klingt immer poetisch und überraschend«. Solche Urteile zeigen, wie sehr er noch immer für den subjektiven Gonzo-Journalismus steht. Ich finde es faszinierend, wie scheinbar banale Episoden (etwa der fehlende Ersatzschlüssel für den Mercedes) zu symbolischen Momenten werden, ohne dass dabei der Spaß am Erzählen verloren geht.

Psychologische Tiefe

Hinter der lässigen Fassade verbirgt sich viel Nachdenklichkeit. Helge Timmerberg widmet dem Verhältnis zu seinem Vater zahlreiche Seiten. Schon früh merkt er, dass die wenigen glücklichen Erinnerungen sich »in Motorfahrzeugen« abspielten. Der geerbte Mercedes wird zum rollenden Therapieraum, in dem er sich mit unverarbeiteten Gefühlen auseinandersetzt. Er erinnert sich an die Wut des kriegsversehrten Vaters und dessen Talent, Geschichten zu erzählen. Mit fortschreitendem Alter erkennt er Ähnlichkeiten und spricht vom »inneren Vater«, der erwacht.

Diese psychologische Dimension verleiht dem Roadtrip Tiefe: Es geht nicht nur darum, Kilometer zu fressen, sondern auch darum, alte Wunden zu heilen. Helge Timmerberg schreibt über Reisemüdigkeit als »Berufskrankheit der Nomaden« und über die Angst vor dem Altern. Der Überfall auf ihn und die ständigen Pannen werden zu Metaphern für die eigenen inneren Gegner. In einem der vielen klugen Sätze betont er, man müsse sich »in der Kunst des Loslassens üben«, um in Würde zu altern. Es ist ein Alterswerk, in dem der Autor sich verletzlich zeigt und zugleich mit Humor reagiert.

Gesellschaftliche Relevanz

Helge Timmerbergs Reise hat auch gesellschaftliche Bezüge. Er schreibt über die Freiheit des Automobilisten, das Gefühl, jederzeit losfahren zu können, und darüber, wie wir uns unterwegs vor der Ablenkung durch Smartphones retten können. In einer taz-Rezension wird darauf hingewiesen, dass Reisen uns vor dem »digitalen Heroin« schützt und die Gedanken wieder fließen lässt. Das Buch ist damit ein Plädoyer für das analoge Unterwegssein und ein Gegenentwurf zum schnellen Konsum digitaler Inhalte. Zugleich thematisiert der Autor die Komplexität des Erbens und den Mut, mit dem »Kumpel Benz« loszufahren, obwohl eine solche Reise in seinem Alter ungewöhnlich erscheint. Der Text zeigt, wie das Verhältnis zwischen den Generationen von Schuld, Dankbarkeit und unausgesprochenen Worten geprägt ist. Die Rezension beim Portal theBackpacker beschreibt das Buch als »persönliche Suche - nach Freiheit, nach Antworten, vielleicht auch nach dem eigenen Platz im Leben«. Diese Suche macht Bon Voyage auch für Leser*innen relevant, die selbst nicht auf Reisen gehen. Sie finden hier Gedanken über Unabhängigkeit und Vergänglichkeit.

Schließlich regt Helge Timmerberg auch zum Nachdenken über Männlichkeitsbilder an. Während einige Rezensentinnen die »Altmänner-Attitüde« kritisch sehen, loben andere seine Fähigkeit, mit Selbstironie über das Älterwerden zu schreiben. Für mich ist vor allem wichtig, dass diese Widersprüche sichtbar werden. Literatur darf polarisieren, und gerade dadurch schafft sie Raum für gesellschaftliche Diskussionen.

Persönliche Wirkung & Fazit

Als jemand, die seit Jahren leidenschaftlich Reisereportagen liest und selbst als Lektorin arbeitet, habe ich Helge Timmerberg immer bewundert. Ich habe alle seine Bücher verschlungen, und die Vorfreude auf Bon Voyage war entsprechend groß. Das Buch hat mich nicht enttäuscht. Ja, die Geschichten sind gesetzter, der Protagonist älter und manches wirkt nachdenklicher als früher. Doch die Mischung aus Reiselust, Humor und Selbstreflexion hat mich sofort wieder eingefangen. Besonders stark empfand ich die Passagen über die Beziehung zu seinem Vater. Die Fahrt im geerbten Mercedes wird zur Reise in die Vergangenheit, aber auch zu einem Neuanfang. Ich musste schmunzeln, wenn Helge Timmerberg über seine kleinen Pannen und Begegnungen schreibt, und ich hatte manchmal einen Kloß im Hals, wenn er über verpasste Chancen mit dem Vater sprach. Dass er dabei immer wieder poetische und humorvolle Sätze findet, zeigt sein Können.

Natürlich ist das Buch nicht frei von Längen. Wer einen strukturierten Reiseführer mit Tipps erwartet, wird hier nicht fündig. Doch für alle, die sich auf einen wilden, ehrlichen und manchmal sentimentalen Roadtrip einlassen wollen, ist Bon Voyage ein großes Vergnügen.

Quellenhinweise

Neben meiner eigenen Lektüre stammen ergänzende Informationen zum Buch aus Interviews und Rezensionen von: Piper-Verlagsseite zu Bon Voyage, Besprechung in der taz, Rezension im Kulturmagazin Perlentaucher, Rezension in theBackpacker, Kritische Besprechung von Dr. Eva Wlodarek, Kurzvorstellung des Autors und seiner subjektiven Erzählweise in der Welt.

Kommentare