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Ein Tag im Leben einer Lektorin
Viele stellen sich den Beruf der Lektorin vermutlich sehr
romantisch vor. Mit einem Kaffee am Schreibtisch sitzen, ein Manuskript vor
sich, irgendwo zwitschern Vögel und man blättert gemütlich durch die Seiten. Ganz
so sieht mein Arbeitsalltag allerdings nicht aus.
Gleich zu Beginn meines Arbeitstages (der übrigens gegen
halb acht anfängt) zeigt sich eine der großen Freiheiten meines Berufs: Kein
Tag gleicht dem anderen. Manchmal starte ich direkt mit einem Manuskript. Wenn
ich mitten in einem Lektorat stecke und eine Deadline näher rückt, tauche ich
morgens sofort wieder in die Geschichte ein, die mich gerade begleitet. Sehr
oft beginnt der Tag aber anders. Dann öffne ich zuerst meine E-Mails,
beantworte neue Anfragen, plane Social Media Beiträge oder kümmere mich um
organisatorische Dinge. Als Selbstständige besteht mein Alltag nämlich längst
nicht nur aus dem Lesen von Manuskripten. Ich bin gleichzeitig Buchhalterin,
Social Media Managerin, Telefonistin und manchmal auch meine eigene
Steuerberaterin. Langweilig wird es jedenfalls selten.
Mein Arbeitsplatz
Ich arbeite von zu Hause aus an meinem Schreibtisch. Dort
verbringe ich tatsächlich fast den gesamten Arbeitstag. Vor einiger Zeit hatte
ich einmal die romantische Vorstellung, im Sommer auf dem Balkon oder irgendwo
im Grünen zu arbeiten. In der Praxis habe ich das allerdings noch nie gemacht. Der
Grund ist ganz einfach. An meinem Schreibtisch habe ich alles so eingerichtet,
dass es für mich perfekt funktioniert. Mein großer Monitor, meine Notizen,
meine Programme, alles ist griffbereit. Dort habe ich die geringste Ablenkung
und kann mich am besten konzentrieren. Außerdem habe ich mir meinen
Arbeitsplatz so gestaltet, dass ich mich wirklich wohlfühle. Ein kleines
Detail, das ich inzwischen nicht mehr missen möchte, ist meine Fußhängematte
unter dem Schreibtisch. Sie sorgt dafür, dass auch lange Arbeitstage
überraschend gemütlich werden.
Wenn ein Manuskript auf meinem Bildschirm landet
Der spannendste Moment beginnt natürlich, wenn ich ein neues
Manuskript öffne. Manchmal kenne ich die Geschichte schon ein wenig. Einige
Autor*innen lassen vor dem eigentlichen Lektorat eine Manuskriptanalyse oder
einen Plot-Check machen. Dann habe ich bereits einen ersten Eindruck. In
anderen Fällen sehe ich den Text tatsächlich zum ersten Mal. Besonders bei
Projekten mit Indie-Verlagen oder neuen Autor*innen starte ich völlig
unvoreingenommen. Erfahrung spielt hier eine große Rolle. Oft merke ich schon
nach wenigen Seiten, wenn etwas nicht ganz stimmt. Vielleicht ist das Tempo zu
langsam. Vielleicht fehlt an einer Stelle Spannung. Oder eine Figur handelt
nicht ganz nachvollziehbar. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Manuskript
schlecht ist. Es bedeutet nur, dass hier noch Potenzial steckt. Und genau dort
beginnt meine eigentliche Arbeit.
Wie ein Lektorat praktisch funktioniert
Ich arbeite komplett digital. Manche Seminare empfehlen,
Texte auszudrucken und mit der Hand zu bearbeiten. Für mich ergibt das wenig
Sinn, weil die Änderungen später ohnehin wieder digital eingearbeitet werden
müssten. Stattdessen arbeite ich direkt im Dokument mit der
Änderungsverfolgung. So können Autor*innen genau sehen, was ich geändert habe.
Zusätzlich hinterlasse ich Kommentare, in denen ich erkläre, warum ich eine
Änderung vorschlage oder welche Überlegung dahintersteckt. Oft wiederholen sich
bestimmte Dinge im Text, z. B. Wortwiederholungen, typische Grammatikfehler
oder ähnliche Formulierungen. Diese kommentiere ich nicht jedes Mal erneut. Stattdessen
gibt es eine Begleitmail zum Lektorat. Darin erkläre ich noch einmal
ausführlich, wie der Text zu lesen ist und worauf besonders geachtet werden
sollte. Und dann beginnt der eigentliche Austausch. Wir sprechen miteinander,
klären Fragen, diskutieren Szenen, entwickeln manchmal neue Ideen für Figuren
oder Handlungsstränge. Ein Lektorat ist kein einseitiger Vorgang. Es ist immer
eine Zusammenarbeit. Mein Ziel ist dabei besonders für Selfpublisher*innen
klar: Am Ende soll ein Manuskript entstehen, das sich auf Verlagsniveau bewegt.
Der emotionalste Moment
Der schönste Moment kommt ganz am Ende. Wenn Autor*innen nach
monatelanger Zusammenarbeit ihr fertiges Manuskript zurückbekommen. Vorher
liegt oft eine gewisse Nervosität in der Luft. Viele haben Angst, ich könnte
ihren Text zerreißen oder ein vernichtendes Urteil fällen. Das würde ich
niemals tun. Autor*innen sind Menschen mit Gefühlen. Ein Manuskript ist nicht
einfach nur ein Text. Es steckt oft sehr viel Herzblut darin. Selbst wenn mir
persönlich etwas nicht gefällt, bedeutet das noch lange nicht, dass es objektiv
schlecht ist. Geschmäcker sind unterschiedlich. Literatur lebt von Vielfalt. Mir
ist deshalb wichtig, immer auf Augenhöhe zu arbeiten und respektvoll mit jedem
Text umzugehen. Dass Projekte nur selten abgebrochen werden, ist für mich eines
der schönsten Zeichen, dass diese Art der Zusammenarbeit funktioniert.
Ein häufiger Irrglaube über Lektorate
Es gibt allerdings ein Missverständnis, das mir immer wieder
begegnet. Manche glauben, ein Lektorat könne automatisch aus jedem Buch einen
Bestseller machen. So funktioniert das leider nicht. Wenn die Geschichte an
sich schwach ist, kann auch das beste Lektorat daraus kein Meisterwerk zaubern.
Ein Lektorat kann einen Text verbessern und strukturieren. Aber die Grundlage
bleibt immer die Geschichte selbst.
Warum ich meinen Beruf liebe
Vielleicht ist genau diese Vielfalt der Grund, warum ich meinen Beruf so gerne mache. Ich tauche jeden Tag in andere Geschichten ein. In neue Figuren, neue Welten, neue Hintergründe, neue Schreibstile und neue Gedanken. Kein Manuskript gleicht dem anderen. Und gleichzeitig gehört zu meinem Alltag noch viel mehr als nur das Lektorieren. Ich organisiere mein eigenes Unternehmen, plane Inhalte, schreibe Rechnungen, führe Gespräche mit Autor*innen und schreibe auch selbst Bücher. Das bedeutet übrigens nicht, dass meine eigenen Texte automatisch perfekt sind. Ganz im Gegenteil. Auch ich werde betriebsblind und verheddere mich in Details. Lektor*innen sind nicht unfehlbar. Deshalb brauchen auch wir für unsere eigenen Texte ein Lektorat. Deshalb nehme ich meine Arbeit auch so ernst. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Mut es kostet, einen Text jemand anderem anzuvertrauen. Und wie wertvoll es ist, wenn jemand mit einem offenen Blick und Respekt darauf schaut.
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