Junge Frau mit Katze – Daniela Dröscher | Eine Rezension

Hinweis: Ich habe das Buch selbst gekauft. Es handelt sich um eine persönliche Lektüreempfehlung ohne wirtschaftliche Verbindung zur Autorin oder zum Verlag. Aus rechtlichen Gründen kennzeichne ich den Beitrag dennoch als Werbung.

Ein Körper streikt, ein Leben gerät ins Wanken

Nach dem Erfolg des autofiktionalen Bestsellers Lügen über meine Mutter (der 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand), habe ich mich sehr auf diesen Nachfolger von Daniela Dröscher gefreut. Erneut widmet sie sich einer sehr persönlichen Geschichte: Die Protagonistin Ela gerät in eine tiefe Lebenskrise. Ihr Körper beginnt plötzlich mit rätselhaften Symptomen zu rebellieren und zwingt sie in die Knie. Was tun, wenn der eigene Körper zum geheimnisvollen Feind wird und das gewohnte Leben entgleist? Junge Frau mit Katze erzählt intensiv und einfühlsam von genau so einem Moment.

Literarische Qualität

Daniela Dröscher versteht es, aus autobiografischem Stoff gute Literatur zu formen. Der Roman wird aus Elas Ich-Perspektive erzählt und besticht durch einen Tonfall, der zwischen Selbstmitleid und Selbstironie schwankt. Trotz des ernsten Themas blitzt auch immer wieder Humor auf. So musste ich gelegentlich schmunzeln über die absurden Situationen, in die Ela auf ihrer Ärzte-Odyssee gerät.

Stilistisch fällt der Roman durch liebevolle Details auf. Ela arbeitet im Roman an der Digitalisierung des Grimm’schen Wörterbuchs, und die Autorin streut tatsächlich immer wieder kuriose altmodische Wörter wie „Mutterherzensfülle“ oder „Erbsenwächter“ ein. Diese Fundstücke verleihen dem Text einen besonderen Charme und brechen die zuweilen hypochondrische Nabelschau der Erzählerin augenzwinkernd auf. Auch Anspielungen auf japanische Poesie bereichern den Roman mit poetischen Bildern. Die Prosa ist literarisch anspruchsvoll ohne gekünstelt zu wirken. Zwischen den erzählten Kapiteln lässt Daniela Dröscher immer wieder kurze Reflexionspassagen aus Elas heutiger Sicht einfließen, fast essayistisch. Dieses Spiel mit Perspektiven verleiht dem Text eine schöne Struktur und zeigt, dass wir es mit autofiktionaler Verarbeitung echter Erlebnisse zu tun haben. Dabei bleibt aber immer eine gewisse Distanz: Wir können nie ganz sicher sein, wo die Autorin endet und die fiktionale Figur beginnt.

Trotz all des Lobes möchte ich auch einen kleinen Kritikpunkt nennen: Leser*innen, die den Vorgängerroman Lügen über meine Mutter nicht kennen, dürften zwar problemlos der Handlung folgen, verpassen aber eventuell Nuancen. Einige Hintergründe (etwa Elas komplexe Familiengeschichte und die enge Bindung zur Mutter) erschließen sich noch besser, wenn man Daniela Dröschers früheres Werk gelesen hat.

Psychologische Tiefe

Die psychologische Durchdringung der Figuren und Themen ist eine der größten Stärken von Junge Frau mit Katze. Im Zentrum steht natürlich Elas innere Welt: eine junge Frau, die unter enormem Leistungsdruck steht und buchstäblich den Kontakt zu sich selbst verloren hat. Ela hat nie gelernt, auf die Signale ihres Körpers zu hören, mit fatalen Folgen. Als sie kurz vor ihrer Promotionsprüfung körperlich zusammenbricht, wird deutlich, wie sehr sich psychischer Stress und ungelöste innere Konflikte in handfeste Symptome verwandeln können. Die Autorin zeichnet Elas Panik, ihre Scham und ihre Verzweiflung so eindringlich nach, dass ich beim Lesen förmlich mitgezittert habe. Bemerkenswert ist, dass der Roman neben aller Schwere auch Hoffnung und Stärke vermittelt. Ela lernt im Verlauf der Handlung, Verantwortung für das eigene Glück zu übernehmen. Sie beginnt endlich Prioritäten zu setzen und ihr Leben grundlegend zu hinterfragt. Ihr Heilungsprozess ist eng verknüpft mit einem Akt der Selbstermächtigung: Das Schreiben rettet Ela, wie sie selbst erkennt. Es ist eine wunderschöne Metapher dafür, wie kreatives Schaffen einen Ausweg aus Krisen eröffnen kann. Die Literatur wird zur Therapie, zum Mittel, das eigene Ich zu erforschen und neu zu definieren. Als jemand, der beruflich Texte begleitet, hat mich diese lebensrettende Kraft des Schreibens ganz besonders angesprochen.

Auch die Nebenfiguren tragen zur emotionalen Vielschichtigkeit bei. Elas Verhältnis zu ihrer Mutter zum Beispiel ist zwar liebevoll, aber nicht unproblematisch. Die alte Familiengeschichte wirkt in ihrem Selbstbild nach und sie hat Schwierigkeiten, sich von familiären Prägungen zu lösen. Die beste Freundin Leo hingegen verkörpert sowohl Unterstützung als auch Überforderung: Sie hilft Ela nach Kräften, doch irgendwann ist auch ihre Geduld am Ende. Irgendwie verständlich, da Leo selbst mit einem psychisch kranken Partner und Kind viel stemmen muss. Hier zeigt Daniela Dröscher mit feinem Gespür, wo die Grenzen der Hilfsbereitschaft im zwischenmenschlichen Bereich liegen. Kein Mensch (auch kein noch so wohlwollender Freund) kann unendlich Kraft spenden, ohne selbst daran zu zerbrechen. Solche Dynamiken zeichnen die Figurenkonstellation realistisch und lebensnah.

Ein kleiner Wermutstropfen mag für manche Leser*innen sein, dass die permanente Abfolge von Krankheiten und Arztbesuchen manchmal fast überwältigend wirkt. Diese Odyssee durch Diagnosen und Therapien kann einen beim Lesen nerven. Doch genau darin liegt auch eine Stärke: Man fühlt als Leser*in hautnah, wie verloren und alleingelassen Ela sich in diesem Marathon der Symptome fühlt. Sollte einen diese Dichte an Leid kurz genervt und ratlos zurücklassen, so ist das wohl intendiert, denn es spiegelt die innere Verfassung der Hauptfigur wider. Am Ende hatte ich das Gefühl, eine literarische Therapie-Sitzung miterlebt zu haben.

Gesellschaftliche Relevanz

Was Junge Frau mit Katze über das Persönliche hinaus wirklich auszeichnet, ist seine gesellschaftliche Relevanz. Daniela Dröscher bettet Elas individuelle Krise in größere Fragen ein: Wie gehen wir als Gesellschaft mit Krankheit und Schwäche um? Welchen Belastungen sind besonders Frauen in unserer Leistungskultur ausgesetzt? Und was passiert, wenn jemand nicht mehr „funktioniert“, wo doch ständiges Funktionieren die Grundbedingung zu sein scheint? Ela ist die erste Akademikerin in ihrer Arbeiterfamilie und kämpft sich durch verschiedene Jobs, ohne finanzielles Sicherheitsnetz. Dieses Thema hat mich sehr angesprochen, zeigt es doch die unsichtbaren Hürden von sozialem Aufstieg: Die Protagonistin muss doppelt kämpfen, nicht nur gegen die äußeren Umstände sondern auch gegen die eigenen Zweifel, ob sie in der akademischen Welt überhaupt richtig ist.

Auch wird das Thema psychosomatischer Krankheit und die oft mangelhafte ärztliche Unterstützung beleuchtet. Ela irrt von Arzt zu Arzt, doch niemand findet eine klare Ursache für ihre Beschwerden. Dieses medizinische Herumgereiche dürfte vielen Betroffenen bekannt vorkommen. In Junge Frau mit Katze wird spürbar, was es heißt, mit unsichtbaren Krankheiten in einer Welt zu leben, die vor allem sichtbare Leistungen anerkennt. Besonders Frauen erleben im Gesundheitssystem häufig, dass ihre Symptome abgetan oder auf die Psyche geschoben werden, Stichwort Medical Gaslighting und Gender Health Gap. Der Roman prangert dies aber nicht mit erhobenem Zeigefinger an. Durch Elas persönliche Geschichte wird die Problematik greifbar: Krankheit heißt eben nicht, schwach oder „hysterisch“ zu sein, sondern kann im Gegenteil Ausdruck unglaublicher Stärke sein.

Auch feministische Themen schwingen mit. Elas Vater fehlt zwar physisch im Geschehen, doch sein Leistungsdenken lastet als Schatten auf ihr. Sie wurde (wie so viele Frauen) darauf konditioniert, eigene Bedürfnisse hintanzustellen. Ihr Körper protestiert letztlich stellvertretend gegen diese unbewussten Zwänge. Diese Rebellion des weiblichen Körpers liest sich auch als Aufschrei gegen ein System, das Fürsorge und Selbstfürsorge systematisch vernachlässigt. Als Leserin (und noch dazu als Frau, die das Hamsterrad des Alltags nur zu gut kennt) fühlte ich mich hier sehr angesprochen. Junge Frau mit Katze hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor: Er zeigt die Kehrseite der vermeintlichen Selbstverwirklichung. Trotz des ernsten Gehalts ist das Buch aber nie bleischwer, sondern vermittelt auch eine Zuversicht: Wandel ist möglich. Es stellt die Frage, wie wir leben wollen, und ermutigt dazu, Konventionen zu hinterfragen. Damit leistet der Roman einen relevanten Debattenbeitrag, gerade in Zeiten, in denen Burnout, Mental Health und Work-Life-Balance allgegenwärtige Themen sind.

Persönliche Wirkung

Elas Geschichte hat mich emotional abgeholt. An manchen Stellen fühlte ich mich fast, als würde ich eine gute Freundin auf dem Weg durch ihre Krise begleiten. Ich hatte immer wieder das befreiende Gefühl: Du bist nicht allein. Genau diese Wirkung schätze ich an Literatur sehr. Daniela Dröscher gelingt es, ein individuelles Schicksal so zu erzählen, dass es universelle Gültigkeit erhält. Viele Menschen (nicht nur Frauen) werden in der Protagonistin Aspekte ihrer eigenen Erfahrungen erkennen, seien es Leistungsdruck im Studium oder Job, das Gefühl der Erschöpfung, wenn zu viel auf einmal kommt, oder die Frage „Wer bin ich eigentlich jenseits meiner Arbeit?“. Bei mir persönlich hat der Roman einen Nerv getroffen, weil ich ähnliche Fragen aus meinem eigenen Werdegang kenne. Nach der letzten Seite habe ich das Buch mit einem zufriedenen, aber nachdenklichen Seufzer zugeklappt. Ohne zu viel zu verraten: Die finale Wendung in Elas Leben, die ihr letztlich Besserung bringt, hat mich persönlich sehr bewegt. Sie steht sinnbildlich dafür, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen kann und manchmal radikale Schritte nötig sind, um „heil“ zu werden. Diese Botschaft nehme ich für mich mit.

Ich kann den Roman allen empfehlen, die sich für tiefgründige Gegenwartsliteratur interessieren und bereit sind, sich auf eine Reise durch Krisen und Erkenntnisse einzulassen, an deren Ende ein Hoffnungsschimmer wartet.

 

Quellenhinweise

Für diese Rezension wurden neben meiner eigenen Lektüre u.a. folgende Quellen für Hintergrundinformationen herangezogen: deutschlandfunkkultur.de, eulenmatz-liest.com, lust-auf-literatur.com, editionf.com, kiwi-verlag.de, literaturbuero-nrw.de.

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