Diese eine Lücke im Lebenslauf – Sofia M. Frei | Eine Rezension

Hinweis: Ich habe das Buch vor der Veröffentlichung als kostenfreies Rezensionsexemplar (E-Book) von der Autorin erhalten. Meine Einschätzung bleibt davon unberührt. [Werbung]

Die Geschichte hinter der Lücke

"Lebensläufe sehen auf Papier meistens ziemlich ordentlich aus. Karriereschritte, Beförderungen, alles schön der Reihe nach." (Zitat aus einem Social-Media-Post der Autorin auf Threads)

Dieser Satz trifft sehr präzise das Thema von Diese eine Lücke im Lebenslauf. Der Lebenslauf wirkt geradlinig, das Leben selbst ist es eher selten. Und genau an dieser Sollbruchstelle setzt Sofia M. Frei an. In einem Social-Post beschreibt sie ihre Hauptfigur so: "Studium, Karriere, Beziehung, ein top CV."  Und dann gibt es plötzlich einen Bruch.

Der Roman ist als realistischer Liebesroman angekündigt, der den Moment ausleuchtet, in dem ein Lebensentwurf reißt und die große Frage auftaucht, wer man eigentlich ohne diesen Plan ist.  Das Buch erzählt also nicht nur eine romantische Linie, sondern auch vom Chaos, wenn die vermeintliche Sicherheit plötzlich wegknickt. Dass die Geschichte dabei so geerdet wirkt, kommt aus meiner Sicht nicht von ungefähr. Sofia M. Frei ist am Niederrhein aufgewachsen, hat viele Jahre in leitender Position gearbeitet und beschreibt sich selbst als Autorin, die realistische Liebesromane über Karrierebrüche und Neuanfänge schreibt. Mir gefällt diese Kombination sehr: klare Genre-Verortung und der Mut, das Leben nicht glattzubügeln.

Literarische Qualität

Was mich sofort abgeholt hat, ist der Ton: nah dran, aber unsentimental. Der Text arbeitet stark szenisch, oft in kurzen, sehr konkreten Momenten, in denen man der Protagonistin Kate beim Denken, Ausweichen, Durchhalten und Aufbegehren zusieht. Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen Wohlfühlromanzen, die Konflikte gern weichzeichnen. Hier bleibt die Autorin bei den Stellen, die weh tun, und bohrt gezielt nach. Sprachlich bleibt Sofia M. Frei kontrolliert. Sie setzt auf klare Bilder und wiederkehrende Motive, die zu Kates Situation passen: Wasser, Bewegung, Ortswechsel, das Gefühl von Auftrieb und Schräglage. In Köln beginnt es mit einem Bild, das fast jede Person kennt, die schon einmal auf der Brücke mit den Liebesschlössern stand, später wird es internationaler und luftiger, bis hin zu Lissabon und weiter in den Süden. Ich mochte, wie diese Ortswechsel nicht wie Kulisse wirken, sondern wie eine Art seelische Landkarte: außen Sonne, Wind und Umwege, innen der Versuch, wieder Tritt zu fassen.

Psychologische Tiefe

Kates größter Konflikt spielt sich vor allem in ihrem Inneren ab. Sie hat gelernt, dass Leistung Sicherheit verspricht. Als diese Sicherheit brüchig wird, kommt erst einmal Scham, Angst und ein fast körperliches Unbehagen bei der Frage, wie man das alles erklärt (vor sich selbst und vor anderen). Das ist aus meiner Sicht die psychologisch klügste Ebene des Romans: Die berufliche Lücke ist nicht nur ein Loch im Lebenslauf, sondern auch im Selbstbild.

Schön fand ich auch, wie die Autorin Beziehungen zeichnet. Thomas ist nicht als der böse Gegner gebaut. Er ist ein echtes Gegenüber mit eigenen Plänen und blinden Flecken. Dadurch wirken die Konflikte um Themen wie Zukunft, Kinderfrage oder Prioritäten nicht konstruiert. Es sind viel mehr Gespräche, die man so oder ähnlich schon bei Freunden am Küchentisch gehört hat. Das ist unbequem, weil es nah an der Lebensrealität vieler ist, und genau deshalb funktioniert es literarisch.

Leon kommt später ins Spiel und wird nicht einfach als Retter hingestellt. Er dient Kate als Spiegel. Er öffnet Türen, trägt Kate aber nicht hindurch. Das mochte ich sehr, weil es der romantischen Ebene gut tut: Die Anziehung und Sehnsucht sind spürbar, aber jede Figur behält eine gewisse Eigenverantwortung. Es ist eine reifere Form von Romance und unterscheidet sich damit deutlich von vielen anderen Romanen in diesem Genre.

Gesellschaftliche Relevanz

Der Roman trifft einen Nerv, weil er etwas Alltägliches literarisch ernst nimmt: die Angst vor der Lücke im Lebenslauf. Und ja, auf dem Papier wird dieser Mythos langsam porös. In einem Interview beim Deutschlandfunk wird eine Studie der Technischen Universität Berlin so zusammengefasst, dass Lücken im Lebenslauf nicht automatisch negativ bewertet werden.  Gerade deshalb ist es spannend, dass das Stigma gefühlt trotzdem da ist (und sei es in der eigenen Selbstachtung). Dass solche Lücken gesellschaftlich ungleich verteilt sind, lässt sich auch gut belegen und der Roman macht das Thema auf subtile Weise sichtbar. In Deutschland arbeiteten 2024 laut Statistischem Bundesamt knapp die Hälfte der Frauen in Teilzeit, bei Männern ist die Teilzeitquote deutlich geringer.  Und auch beim Einkommen bleiben die Unterschiede groß: Für 2025 veranschlagt das Statistische Bundesamt einen unbereinigten Gender Pay Gap von 16 Prozent.  Das sind keine Randzahlen, sondern die Rahmenbedingungen, in denen Lebensläufe öfter unterbrochen oder eben umgebaut werden. Genau in diese Wirklichkeit hinein schreibt Sofia M. Frei.

Persönliche Wirkung

Ich mag an Büchern, wenn sie mich nicht nur unterhalten, sondern mir auch ein paar ehrliche Fragen mitgeben. Und ja, auch ich habe mir schon Fragen gestellt wie: Was habe ich geschafft? Was kann ich vorweisen? Und dann sitzt da diese Figur, die genau damit ringt und die sich trotzdem erlaubt, auf etwas anderes als auf die Vernunft zu hören. Kate darf unlogisch sein, trotzig, verletzlich, lustig, und manchmal auch peinlich berührt. Gerade durch diese Gegensätze wird sie nahbar. Für mich liegt die Kernbotschaft des Romans darin, dass Neuanfänge meist keine spontane Entscheidung sind. Und dass diese eine Lücke im Lebenslauf manchmal mehr ein Loch im Selbstbild ist.


Quellenhinweise

Neben meiner eigenen Lektüre stammen ergänzende Informationen zum Buch und zur Autorin aus öffentlichen Beiträgen und Ankündigungen von: Produkt- und Buchseite bei Amazon, Autorinnenprofil und Beiträge von Sofia M. Frei auf Instagram sowie Threads, Interview- und Studienbezug zum Thema Lebenslauf und Karriere im Deutschlandfunk, Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes sowie Hintergrundmaterial des Europäischen Parlaments und der International Labour Organization zum Thema Care-Arbeit und Erwerbsbiografien.