Hinweis: Ich habe das Buch selbst gekauft. Es handelt sich um eine persönliche Lektüreempfehlung ohne wirtschaftliche Verbindung zur Autorin oder zum Verlag. Aus rechtlichen Gründen kennzeichne ich den Beitrag dennoch als Werbung.
Ein Bulli, ein Roadtrip, zwei Frauen und die Sehnsucht nach Heilung
Auf der MagdeQueer 2026 begegnete mir eine Autorin, die sich selbst GROSSSTADTHELDIN nennt. Ihr Stand sprach mich gleich an und so kamen wir ins Gespräch. Wir plauderten über die Buchbranche, Reisen, Poesie, Fotos und über die Liebe zwischen zwei Frauen, die sich trauen, den Bulli zu packen und loszufahren. Als sie „Roadtrip“ sagte, war endgültig mein Interesse geweckt. Ich kaufe nur wenige Bücher im Messetrubel, aber diesmal führte kein Weg daran vorbei.
Herzvollziellos schließt an den ersten Band Kopfloskunstvoll an und begleitet die Singer-Songwriterin Feli und die Fotografin Manou in ihrem gelben Bulli quer durch Frankreich. Der Klappentext verspricht eine „prosaisch poetische“ Reise voller Shooting-Abenteuer, Konzertmomente und geheimnisvoller Zeichen.
Literarische Qualität
Herzvollziellos ist weder ein klassischer Roman noch eine reine Gedichtsammlung. GROSSSTADTHELDIN verbindet Prosa mit Lyrik, Fotos und sogar Audioaufnahmen (über QR-Codes). Jedes Kapitel beginnt mit einem Gedicht, das die Stimmungen skizziert, bevor die Erzählung die Szene ausbreitet. Diese Gedichte sind nicht nur dekorative Zwischenspiele; sie spannen einen Bogen zum folgenden Abschnitt und machen neugierig auf das, was kommt. Für mich als Lektorin ist dieser formale Mix mutig und gelungen. Die Sprache in den Prosatexten ist klar und bildhaft, ohne sich in poetischen Ornamenten zu verlieren. Die Autorin findet für jede Emotion passende Worte. Mal frech und lebendig, wenn Feli auf der Bühne steht, mal zart und nachdenklich, wenn Manou an alte Wunden erinnert wird. Der Erzählstil lebt von knappen Kapiteln. Trotzdem entsteht eine atmosphärische Tiefe. Die Handlung wird nicht unnötig aufgebläht. Der Wechsel zwischen den Perspektiven der beiden Frauen sorgt für Dynamik. Dass GROSSSTADTHELDIN eine passionierte Bloggerin und Poetin ist, spürt man in jedem Satz. Als Lektorin mag ich besonders, wie sie das Medium Buch erweitert und neu denkt: Fotos aus Marseille, Montpellier oder Paris lockern die Seiten auf; QR-Codes verlinken zu den eingesprochenen Gedichten und machen die Protagonistinnen hörbar.
Psychologische Tiefe
Obwohl Herzvollziellos auf nur 80 Seiten daherkommt, geht es nicht nur um sonnige Frankreichbilder. Die beiden Frauen tragen ihre Vergangenheiten mit sich, und der Roadtrip wird zur inneren Reise. Manou kämpft mit einem Familientrauma, das sich wie ein Schatten über ihre Fotografie legt. Feli hat neben ihrer Musik eine Geschichte, die durch mysteriöse Zeichen zurück in ihr Leben drängt. Diese Konflikte werden nicht melodramatisch ausgestellt; vielmehr verwebt die Autorin sie in den Alltag der Reise. Für mich liegt die psychologische Kraft des Buches ganz klar in der Darstellung der Beziehung zwischen den beiden. Feli und Manou sind füreinander da, wenn schmerzhafte Erinnerungen oder Unsicherheiten hochkommen. Ihre Gespräche sind ehrlich und zärtlich. Die Reise wird zum Spiegel: Unterwegs lernen sie nicht nur neue Städte kennen, sondern auch sich selbst.
Gesellschaftliche Relevanz
Herzvollziellos erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, ohne diese Liebe zu exotisieren. Das wlw-Power-Couple steht im Zentrum, und ihre Beziehung wird als selbstverständlich dargestellt. Literatur, die queere Beziehungen nicht zum erklärungsbedürftigen Sonderfall macht, ist immer noch unterrepräsentiert in der deutschsprachigen Literatur. GROSSSTADTHELDIN nutzt ihre Stimme, um queere Geschichten sichtbar zu machen. Dass sie sich in Potsdam für ein queeres Literaturfest engagiert, zeigt ihr Anliegen, über das Schreiben hinaus gesellschaftlich aktiv zu sein. Daneben thematisiert das Buch familiäre Traumata und die Suche nach Zugehörigkeit. Manous Familientrauma verweist auf das Schweigen in vielen Familien und darauf, wie stark die Vergangenheit in die Gegenwart wirkt. Feli hingegen muss sich entscheiden, ob sie Zeichen aus früheren Beziehungen zulassen oder ihre Zukunft selbst gestalten will. Diese Themen sind universell und laden zum Nachdenken und Reflektieren ein.
Persönliche Wirkung
Ich habe Herzvollziellos in einem Rutsch gelesen. Danach habe ich noch einmal langsamer hineingeblättert, vor allem wegen der Gedichte. Diese lyrischen Auftakte zu jedem Kapitel haben mir besonders gefallen. Man betritt eine Stimmung, bevor die eigentliche Szene beginnt. Als ich bei der MagdeQueer mit der Autorin sprach, erzählte sie mir, dass einige Kapitel tatsächlich an den Schauplätzen in Frankreich entstanden sind. Diese Authentizität spürt man.
In letzter Zeit lese ich auf Instagram immer wieder, dass viele Leser*innen das Gefühl haben, Bücher innerhalb eines Genres würden sich zunehmend ähneln. Häufig fällt dann das Wort „Einheitsbrei“. Ich verstehe, woher dieser Eindruck kommt. Gerade in beliebten Genres wiederholen sich bestimmte Tropes und Erzählmuster so oft, dass man manchmal schon nach wenigen Seiten ahnt, wohin alles führen wird. Herzvollziellos war für mich deshalb eine kleine Überraschung. Dieses Buch versucht nicht, möglichst in eine Erwartung zu passen. Es verbindet Roadtrip, queere Liebesgeschichte, Lyrik, Prosa, Fotografie und Audioelemente zu etwas Eigenem. Genau das mochte ich. Nein, ich habe es sogar geliebt und gefeiert! Vielleicht hat mich das Buch auch deshalb aus meiner Leseflaute geholt. Literatur darf etwas auslösen und mutig sein. Am Ende des Buches hatte ich das Gefühl, mit Feli und Manou gemeinsam an einem Café-Tisch in Frankreich zu sitzen und über das Leben zu sinnieren.
Quellenhinweise
Neben meiner eigenen Lektüre stammen ergänzende Informationen zum Buch aus öffentlichen Quellen von: Story.One, Exlibris und Kulturkaufhaus. Informationen zur Person GROSSSTADTHELDIN stammen von den Webseiten des Queer Book Day, der LeseKlang Veranstaltung und dem Exlibris Autorenporträt. Die Rezension spiegelt ausschließlich meine eigene Lektüre und unabhängige Meinung wider.
