[Werbung] Vielen Dank an den Berlin Verlag für die Bereitstellung dieses kostenfreien Rezensionsexemplars über NetGalley. Die geäußerte Meinung ist meine eigene. Die deutsche Ausgabe erscheint am 03.07.2026, umfasst 432 Seiten und wurde von Sula Textor übersetzt.
Ein Familiengeheimnis und seine langen Schatten
Manche Bücher holen mich direkt von Seite eins an ab. Dieses hier nicht. Ich brauchte Zeit, um in Mein wahrer Name ist Elisabeth hineinzufinden. Der Einstieg hat mich durchaus gefordert, weil Adèle Yon ihrer Erzählung keine bequeme Form gibt. Die Dialoge stehen ohne Anführungszeichen im Text. Die sprechenden Personen werden meist über ihren Namen oder ihre Beziehung zur Erzählerin eingeführt, danach folgt, nur durch einen kleinen Strich getrennt, das Gesagte. Dazu kommt eine Vielzahl an Personen, familiären Beziehungen und zeitlichen Ebenen. Ich musste mich also immer wieder orientieren, sortieren, zurückblättern, noch einmal lesen und Verbindungen finden. Aber genau das hat mir irgendwann gefallen. Denn dieses Buch will nicht schnell konsumiert werden. Es will erarbeitet werden. Und bei aller Anfangsskepsis habe ich genau das schließlich sehr geschätzt. Literatur darf anspruchsvoll sein. Mehr noch: Bei einem Stoff wie diesem wäre alles Gefällige und vorschnell Eindeutige die falsche Entscheidung.
Die Ich-Erzählerin ist eine forschende Urenkelin, die unverkennbar nah an der Autorin selbst steht. Gerade diese Nähe macht das Buch so eindringlich. Es geht nicht nur darum, wer Elisabeth, genannt Betsy, war. Es geht auch darum, was ein verschwiegenes Leben mit den nachfolgenden Generationen macht. In der Familie lebte Betsy lange als peinlicher Schatten weiter, als angeblich "verrückte" Ahnin. Schon die Anlage des Textes zeigt, dass hier keine Biografie einfach rekonstruiert wird. Vielmehr entsteht eine literarische Spurensuche nach einer Frau, deren Geschichte über Jahrzehnte von anderen erzählt, verkürzt, gefürchtet oder verschwiegen wurde.
Literarische Qualität
Was mich an diesem Buch am meisten überzeugt hat, ist seine ungewöhnliche Form. Adèle Yon schreibt keinen Roman im herkömmlichen Sinn, aber auch keinen Essay, keine reine Reportage und keine klassische Autobiografie. Sie setzt aus Gesprächsprotokollen, Erinnerungsfragmenten, Briefen, Archivrecherchen, historischen Einschüben und sehr persönlichen Passagen einen Text zusammen, der gerade aus dieser Offenheit seine Kraft bezieht. Was in der französischen Kritik als polyphon und klug montiert beschrieben wurde, kann ich sehr gut nachvollziehen. Hier stehen Form und Thema nicht einfach nebeneinander. Sie tragen sich gegenseitig. Die zersplitterte Struktur erzählt von einer zerfallenen Familienerinnerung. Man begreift erst nach und nach, warum diese Geschichte nicht in einer geraden Linie erzählt werden kann. Zu viel wurde verschwiegen, umgedeutet, beschönigt, nur geflüstert oder aus Angst weitergegeben. Dazu kommt eine Sprache, die ich als sehr aufmerksam empfunden habe. Der Text beobachtet sein Gegenüber genau, besonders in den Gesprächen mit Familienmitgliedern. Er interessiert sich nicht nur für das Gesagte, sondern auch für Unsicherheiten und Lücken in den Erinnerungen. Man spürt beim Lesen, dass hinter jeder scheinbar beiläufigen Bemerkung noch eine zweite, oft dunklere Geschichte liegt.
Psychologische Tiefe
Noch stärker als die Familienrecherche hat mich die psychologische Ebene des Buches beschäftigt. Mein wahrer Name ist Elisabeth fragt nicht nur, was mit Betsy geschehen ist. Es fragt auch, wie Angst in Familien weiterlebt. Wie sich ein Verdacht einnistet und wie aus einer früheren Diagnose eine Bedrohung für spätere Generationen werden kann. Gerade dieser Gedanke der vermeintlichen Vererbbarkeit psychischer Erkrankung zieht sich mit großer Wucht durch das Buch und macht es so beklemmend. Der Text weigert sich dabei, vorschnell zu psychologisieren. Betsy wird nicht zur Fallstudie gemacht. Im Gegenteil: Das Buch versucht, ihr die Würde einer komplizierten, verletzten und widersprüchlichen Person zurückzugeben. Gleichzeitig zeigt es, was es mit einer Familie macht, wenn eine Frau über Jahrzehnte nur noch als "Warnung" weitererzählt wird.
Besonders interessant fand ich einen Gedanken, den Adèle Yon in Interviews formuliert hat: dass die Erzählung von erblicher "Gefährdung" in Familien nicht nur Angst produziert, sondern auch Verhalten disziplinieren kann. Es geht hier also nicht allein um eine psychische Krankheit. Es geht auch um Kontrolle, um weibliche Anpassung und um die Frage, welche Formen von Eigenwilligkeit in einer Familie geduldet werden und welche sofort als bedrohlich gelten.
Gesellschaftliche Relevanz
So intim dieses Buch ist, so wenig bleibt es im Privaten stehen. Aus der Familiengeschichte heraus wird etwas viel Größeres sichtbar: die enge Verbindung zwischen patriarchalen Ordnungsvorstellungen, medizinischer Autorität und dem gesellschaftlichen Bedürfnis, Frauen, die "stören", zu normieren oder unschädlich zu machen. Das Buch legt offen, wie schnell aufbegehrendes, vermeintlich unpassendes oder schlicht leidendes Verhalten in eine Sprache der Pathologisierung übersetzt werden konnte. Durch Betsys Geschichte wird erfahrbar, wie eng familiäre und institutionelle Macht miteinander verzahnt waren. Und wie lange solche Deutungen nachwirken. Dass französische Kritiken das Buch auch als Beitrag zur Aufarbeitung misogyn geprägter Psychiatrie gelesen haben, überrascht mich nicht. Diese Ebene ist keine bloße Kulisse. Sie gehört zum Zentrum des Textes. Denn die Frage lautet nicht nur: Was ist Betsy passiert? Sondern auch: Wer hatte die Macht, ihr Leben zu deuten? Wer durfte über ihren Körper, ihre Krankheit, ihre Zumutbarkeit und ihr Verschwinden entscheiden? Für mich ist das die produktivste Form gesellschaftlich relevanter Literatur: nicht didaktisch, sondern hartnäckig. Das Buch erklärt nicht von außen, was man darüber denken soll. Es zeigt, wie sich private Erinnerung, medizinische Gewalt und gesellschaftliche Normen ineinanderschieben, bis eine Frau hinter Diagnosen und Familienlegenden fast verschwindet.
Persönliche Wirkung
Ich habe dieses Buch nicht mühelos gelesen. Und ich meine das als Kompliment. Es hat mich gefordert. Es war kein Buch, das ich einfach nebenbei weglesen konnte. Aber genau das hat mir gefallen. Literatur darf Widerstand leisten. Sie darf verlangen, dass man sich auf eine fremde Ordnung einlässt. Zurückgeblieben ist bei mir vor allem die Wucht, mit der dieses Buch zeigt, dass Angst manchmal nicht nur individuell ist. Sie kann eine Geschichte haben, die mehrere Generationen zurückreicht. Das ist literarisch klug und gesellschaftlich bedrängend aktuell. Mein wahrer Name ist Elisabeth ist für mich deshalb ein sehr lesenswertes Buch. Eines, das etwas von seinen Leser*innen verlangt, ihnen dafür aber auch ungewöhnlich viel gibt.Ich habe es mit Respekt gelesen und mit dem Gefühl aus der Hand gelegt, dass hier nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern ein jahrzehntelang verschlossener Raum geöffnet wurde.
Quellenhinweise
Für die bibliografischen Angaben zur deutschen Ausgabe habe ich die Buchseite des Berlin Verlags genutzt; für die Einordnung der französischen Originalausgabe und der Autorin die Seiten der Editions du sous-sol. Die im Text unauffällig aufgegriffenen Stimmen aus Feuilleton und Interview stützen sich auf Télérama, Les Inrocks, Le Monde und Nouvel Obs, insbesondere auf deren Beschreibungen der Vielstimmigkeit, der hybriden Form und auf Yons Überlegungen zu Angst, Vererbung und weiblicher Wut.
In Frankreich wurde das Buch bereits breit rezipiert und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prix Essai France Télévisions 2025, dem Grand Prix des lectrices Elle 2025, dem Prix littéraire du Nouvel Obs und dem Prix Régine Deforges. Diese Resonanz ist für meine Rezension nicht ausschlaggebend, aber sie zeigt, wie stark das Buch über den privaten Stoff hinaus gelesen wird.