Schreiben trotz Alltag: Warum es mit Anti-Tipps leichter wird

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Schreiben trotz Alltag: Warum es mit Anti-Tipps leichter wird

Als ich Pias Aufruf zur Blogparade „Schreiben trotz Alltag“ gelesen habe, musste ich sofort an einen Beitrag denken, den ich gerade erst für Instagram vorbereitet hatte. Ein Anti-Tipp für Autor*innen, der da lautet:

Schreibe nicht jeden Tag.

Das klingt natürlich erst einmal falsch. Fast schon frech. Schließlich gehört „Schreibe jeden Tag“ zu den Klassikern unter den Schreibtipps. Er taucht in nahezu jedem Ratgeber auf. Und ich verstehe den Gedanken dahinter. Wer regelmäßig schreibt, bleibt im Projekt. Man kommt leichter wieder hinein, die Figuren verschwinden nicht ganz so schnell aus dem Kopf, die Hemmschwelle wird kleiner, der Plot gerät nicht ins Stocken. Trotzdem ist „Schreibe jeden Tag“ für mich einer dieser Tipps, die vor allem ziemlich viel Druck machen können. Denn mein Alltag lässt sich nicht einfach zur Seite schieben, nur weil irgendwo eine Buchidee auf mich wartet. Deshalb nehme ich für mich ganz bewusst den Druck raus. Ich schreibe nicht jeden Tag. Und genau deshalb schreibe ich weiter.

Druck hilft mir nicht

Ich bin Lektorin und Autorin. Das klingt auf den ersten Blick nach einer sehr günstigen Kombination, wenn es ums Schreiben geht. Und ja, Schreiben gehört glücklicherweise zu meinem Beruf. Ich schreibe Blogartikel, Social-Media-Texte, Buchtexte, Artikel für Magazine, manchmal auch für andere Menschen. Ich arbeite mit Manuskripten, denke über Sprache nach, lese viel und genau, formuliere, streiche, prüfe, sortiere. Aber genau das macht es manchmal auch kompliziert. Eben weil ich beruflich den ganzen Tag mit Texten zu tun habe, springe ich abends nicht auf und rufe: Wunderbar, jetzt schreibe ich noch an meinem eigenen Buch weiter!

Ich würde gern zu den Menschen gehören, die jeden Morgen eine Stunde schreiben, bevor der Alltag beginnt. Wirklich. Ich stelle mir das schön vor. Kaffee, Laptop, die Sonne geht auf, die Vögel zwitschern, und dann fließen die Sätze von allein. In meiner Vorstellung finde ich direkt beim ersten Versuch die perfekten Formulierungen, die ich auch drei Tage später noch mag. ABER: In meinem echten Leben sieht es anders aus. Ich stehe nicht gern früh auf und bin morgens oft müde und langsam (Typ: Nachteule). Ich habe ein Kind, das morgens Aufmerksamkeit braucht. Als Mutter gibt es Verpflichtungen, an denen nicht zu rütteln ist. Die stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. Mein Familienalltag ist mir wichtig. Und mein Arbeitstag besteht auch aus vielen verschiedenen Aufgaben. In meiner Selbstständigkeit bin ich eine One-Woman-Show. Oft muss ein Kundentext fertig werden. Oder ich arbeite an einem Lektorat. Oder ich kümmere mich um Buchhaltung, Marketing, Social Media, Kundenbetreuung, Weiterbildungen und all die anderen Dinge, die eben dazugehören. Ihr wisst, was ich meine.

Genau deshalb finde ich es wichtig, über diesen Druck zu sprechen. Denn wenn ich mir jeden Tag vornehme zu schreiben und es an drei Tagen hintereinander nicht schaffe, passiert bei mir nichts Produktives. Dann denke ich: Ich bin raus. Ich kriege es nicht hin. Andere schaffen das doch auch. Vielleicht bin ich nicht diszipliniert genug. Aus diesem Gedankenkarussell wieder herauszukommen, ist schwer. Ich glaube, viele Schreibblockaden entstehen durch zu viel Druck. Dann hat man ständig ein schlechtes Gewissen, vergleicht sich mit anderen und kritisiert an sich selbst herum. Die Lust zum Schreiben hat sich sowieso schon längst verabschiedet.

Mein eigentlicher Trick: Ich schreibe, bevor ich schreibe

Wenn ich einen Trick habe, dann ist es wahrscheinlich die Diktierfunktion auf meinem Smartphone. Das klingt nicht besonders poetisch, ich weiß. Keine schöne Morgenroutine oder ein hübsches Notizbuch (obwohl ich Notizbücher sehr mag und viel zu viele ungenutzt bei mir herumliegen).

Nur mein Smartphone.

Für mich ist die Diktierfunktion ein Segen. Denn die besten Ideen kommen selten dann, wenn ich gerade Zeit fürs Schreiben habe. Sie kommen beim Mittagessen, beim Aufräumen, auf dem Weg irgendwohin, kurz vor dem Einschlafen oder zwischen zwei Kundenprojekten. Sie kommen, wenn ich eigentlich etwas anderes machen sollte. Und wenn ich sie dann nicht festhalte, sind sie weg. Also diktiere ich meine Gedanken und Ideen in meine Notizen-App. Manchmal schicke ich mir auch selbst WhatsApp-Nachrichten. Ich spreche einfach ins Handy. Oft ohne besonders sauber zu formulieren und das Ergebnis ist meistens nicht sehr schön. Die Diktierfunktion schreibt natürlich alles mit, auch meine Ähms und Öhs. Manchmal erkenne ich später kaum noch, was ich da eigentlich sagen wollte. Manchmal denke ich: Das darf bitte niemand außer mir jemals lesen. Aber das muss auch niemand. Diese Notizen sind keine fertigen Texte. Sie sind Rohmaterial. Und wenn ich später wirklich am Schreibtisch sitze, fange ich nicht bei null an. Da ist schon etwas. Ich muss dann nicht aus dem Nichts heraus schreiben. Ich kann aufgreifen, sortieren, ausbauen, streichen. Das ist für mich ein großer Unterschied.

Kleine Zeitfenster zählen auch

Ich schreibe oft zwischen anderen Dingen. Zwischen zwei Kundenprojekten. In einer Mittagspause. Abends, wenn ich nicht mit der Einschlafbegleitung dran bin. Manchmal auch während des Essens, wenn ein Gedanke in meinem Kopf herumspukt. So wachsen meine Texte. Das ist nicht schnell. Ganz sicher nicht so schnell wie bei anderen Autor*innen, die teilweise in einem Tempo veröffentlichen, das mir schon beim Zuschauen die Luft wegbleibt. Aber diese Vergleiche bringen mich nicht weiter. Also versuche ich, es zu lassen (manchmal bin ich trotzdem ein bisschen neidisch). Ich schreibe in meinem Tempo. Und dieses Tempo hängt an meinem Alltag, an meiner Arbeit, an meiner Familie, an meiner Energie und an meinen Projekten. Mal geht mehr. Mal geht fast nichts. Mal schreibe ich mehrere Tage hintereinander. Mal nur eine Notiz in zwei Wochen. Mal arbeite ich an einem Buch weiter, mal an einem Blogartikel, mal an einem Social-Media-Text, mal nur an einem Gedanken, der noch gar keine Form hat. Früher hätte ich das vielleicht bewertet. Inzwischen glaube ich: So funktioniert mein Schreiben eben.

Ich brauche verschiedene Projekte

Was mir auch hilft: Ich habe meistens mehrere Projekte gleichzeitig. Das würde ich nicht jeder Person empfehlen oder als Tipp bezeichnen. Manche brauchen genau ein Projekt, auf das sie sich konzentrieren. Bei mir funktioniert es anders. Ich kann nicht immer am selben Text weiterarbeiten. Nicht, wenn die Stimmung nicht passt oder mein Kopf gerade an einer anderen Stelle hängt. Dann ist es gut, wenn ich ausweichen kann. Das wirkt von außen vielleicht sprunghaft. Für mich ist es eher eine Art innerer Schrank. Nicht jedes Fach ist jeden Tag zugänglich. Aber meistens ist irgendwo eine Schublade offen.

Erste Entwürfe dürfen furchtbar sein

Ein weiterer Punkt, der mir sehr hilft: Ich erwarte nicht mehr, dass erste Entwürfe vorzeigbar sind. Gerade meine diktierten Notizen sind oft ein einziges Durcheinander. Da stehen halbe Sätze, Wiederholungen, Füllwörter, falsch erkannte Begriffe und Gedankensprünge, die nur in meinem Kopf Sinn ergeben haben.

Aber genau dafür gibt es Überarbeitungsphasen. Ich muss nicht beim ersten Versuch druckreif schreiben. Ich darf roh anfangen. Alles Weitere kommt danach. Dann wird gestrichen, umgestellt, ergänzt, gekürzt, umformuliert, zugespitzt. Dann verschwinden die Ähms und Öhs und die seltsamen Diktierfehler. Irgendwann wird daraus ein zusammenhängender Text. Aber ohne dieses unperfekte Anfangsmaterial gäbe es oft gar nichts zu überarbeiten.

Fazit: Schreiben trotz Alltag

Mein Alltag ist kein Gegner, den ich besiegen muss, damit ich schreiben darf. Er ist die Umgebung, in der mein Schreiben stattfindet. Mit allem, was dazugehört. Mit Arbeit, Familie, Erschöpfung, Freude, Unterbrechungen und Ideen, die im falschen Moment kommen. Ich schreibe nicht jeden Tag, aber ich bleibe in Verbindung mit meinen Texten. Oft durch Notizen oder Sprachnachrichten an mich selbst. Für mich ist das genug. Auch drei Sätze sind drei Sätze mehr als vorher.