Wenn Lesen zur Leistung wird: Was BookTok mit unserem Lesen macht


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Wenn Lesen zur Leistung wird: Was BookTok mit unserem Lesen macht

BookTok hat etwas geschafft, worüber die Buchbranche eigentlich froh sein müsste: Menschen reden über Bücher. Junge Menschen reden über Bücher. Sie empfehlen sie einander, filmen ihre Reaktionen darauf, zeigen ihre Regale und diskutieren Neuerscheinungen. Und sie kaufen Bücher. Laut einer im März 2026 von TikTok veröffentlichten Auswertung auf Basis von Daten von Media Control und NielsenIQ BookData wurden 2025 allein in Deutschland 28 Millionen Bücher verkauft, die zuvor auf BookTok Aufmerksamkeit bekommen hatten. Der damit erzielte Umsatz lag bei 482 Millionen Euro. Mehr als ein Drittel der 16- bis 39-Jährigen entdeckt laut derselben Veröffentlichung neue Bücher über BookTok.

Trotzdem beschäftigt mich in Bezug auf BookTok ein anderes Thema: Was passiert eigentlich mit unserem Lesen, wenn Lesen selbst zum Teil einer Plattformkultur wird? Ich glaube nämlich, dass BookTok unser Verhältnis zu Büchern verändert hat. Zum Guten an vielen Stellen. An anderen aber auch zum Schlechten.

Lesen ist wieder etwas, über das man spricht

Erst einmal möchte ich BookTok etwas zugutehalten. Die Plattform hat Lesen für eine junge Zielgruppe sehr sichtbar gemacht. Die 2024 veröffentlichte Studie "Bock auf Buch!" des Börsenvereins und der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen zeigt, wie wichtig soziale Medien inzwischen für junge Leser*innen sind. Unter den lesenden 10- bis 15-Jährigen spielen TikTok beziehungsweise BookTok bei 49 Prozent eine Rolle, wenn es um Bücher geht. Bei den 16- bis 19-Jährigen und den 20- bis 29-Jährigen liegt Instagram als Buchplattform vorne.

Ich finde das erst einmal ziemlich großartig. Gerade weil seit Jahren über sinkende Lesekompetenz und mangelnde Leselust gesprochen wird, wäre es merkwürdig, eine Plattform abzuwerten, auf der junge Menschen freiwillig stundenlang über Bücher diskutieren. Doch auch wenn BookTok die Leselust fördern kann, bringt es auf der anderen Seite trotzdem Probleme mit sich.

Seit wann muss man beim Lesen eigentlich so viel schaffen?

Mich irritiert vor allem, wie oft Lesen inzwischen über die Mengen definiert wird. Wie viele Bücher habe ich diesen Monat gelesen? Wie viele Bücher möchte ich dieses Jahr schaffen? Wie groß ist mein Stapel ungelesener Bücher? Wie viele Neuerscheinungen habe ich gekauft? Wie viele Bücher befinden sich in meinem Regal?

BookTok hat diese Form des Lesens natürlich nicht erfunden. Reading Challenges gab es vorher, ebenso Bücherregale, Wunschlisten und Menschen, die beim Bücherkauf jegliche Selbstbeherrschung verlieren. Ich möchte mich von Letzteren ausdrücklich nicht zu weit entfernen. Auf sozialen Plattformen bekommt das Ganze allerdings einen etwas anderen Beigeschmack. Zur typischen BookTok-Kultur gehören Empfehlungslisten, Book Hauls, TBR Listen, Monatsrückblicke, aufwendig dekorierte Bücherregale und Videos über das Markieren oder Annotieren von Büchern. Wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich inzwischen sogar damit, wie stark das physische Buch auf BookTok ästhetisiert wird. Der Literaturwissenschaftler Jeroen Dera fasst Studien zusammen, die zeigen, dass aufwendig präsentierte Bücherregale und Buchsammlungen junge Leser*innen durchaus inspirieren. Gleichzeitig weisen die Forschenden darauf hin, dass die Inszenierung des Buchbesitzes vom eigentlichen Lesen getrennt sein kann.

Das finde ich ein bisschen unangenehm. Denn das Buch wird dadurch stärker als Gegenstand sichtbar, den man besitzen und sammeln kann. Natürlich war (ist) ein Buch immer auch eine Ware. Verlage müssen Geld verdienen, Autor*innen und Lektor*innen ebenso, Buchhandlungen sowieso. Daran ist nichts Anrüchiges. Schwierig wird es für mich an dem Punkt, wenn sich Lesegenuss nur noch nach Produktivität anfühlt. Ein Buch pro Woche klingt besser als ein Buch im Monat. Zwölf gelesene Bücher wirken beeindruckender als drei. Ein riesiger TBR verspricht eine aufregende Lesezukunft und erzeugt gleichzeitig das absurde Gefühl, diesen Stapel irgendwann "abarbeiten" zu müssen. Dabei sagt die Anzahl gelesener Bücher erstaunlich wenig darüber aus, wie intensiv jemand gelesen hat. Man kann einen Roman innerhalb eines Tages verschlingen und drei Wochen später kaum noch wissen, worum es ging. Man kann vier Wochen an 250 Seiten lesen, ständig zurückblättern, Passagen markieren und danach monatelang darüber nachdenken. Beides ist Lesen. Nur lässt sich die erste Variante hübscher zählen.

Der Algorithmus liebt Wiedererkennung

Diese Zählbarkeit trifft auf einen zweiten Effekt: BookTok belohnt Bücher, über die sich schnell und eindeutig sprechen lässt. Romance, New Adult, Romantasy und Dark Romance funktionieren dort seit Jahren besonders gut. Das bedeutet keineswegs, dass diese Bücher automatisch weniger anspruchsvoll oder literarisch weniger wertvoll wären. Diese Abwertung finde ich selbst ziemlich ermüdend. Aber was passiert eigentlich, wenn bestimmte Genres so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass die Branche darauf reagiert?

Der Börsenverein hat New Adult und Young Adult inzwischen detaillierter in Unterwarengruppen aufgeteilt. Die Verkaufszahlen von 2025 zeigen, wie stark sich New Adult auf bestimmte Bereiche konzentriert. Rund 39 Prozent der verkauften New Adult Titel entfielen auf Romance, weitere 30 Prozent auf Romantasy beziehungsweise Romantic Fantasy. Dark Romance und Sports Romance lagen jeweils bei rund 9 Prozent.

Dass Verlage erfolgreiche Genres bedienen, ist logisch. Sie wären wirtschaftlich ziemlich schlecht beraten, wenn sie konsequent Bücher produzieren würden, die niemand kaufen möchte. Trotzdem entsteht eine Rückkopplung. Menschen sehen bestimmte Bücher besonders häufig. Diese Bücher werden häufiger gekauft. Verlage erkennen die Nachfrage und veröffentlichen weitere Titel aus diesem Bereich. Dadurch gibt es wiederum mehr Bücher, über die gesprochen werden kann. Die wissenschaftliche Forschung beschreibt einen ähnlichen Effekt. Dera verweist auf die Gefahr des sogenannten "Binge Reading": Leser*innen bekommen durch algorithmische Empfehlungen immer wieder ähnliche Bücher vorgeschlagen und lesen dadurch häufiger denselben Typ von Geschichte. Literatur, die weniger gut in bestehende Trends passt, kann dabei schlechter sichtbar werden. 

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass alle Menschen auf BookTok dasselbe lesen. Es gibt dort zahlreiche kleinere Communities, darunter QueerBookTok, BlackBookTok oder andere spezialisierte Bereiche. Gerade diese Räume können Bücher sichtbar machen, die im klassischen Literaturbetrieb lange weniger Aufmerksamkeit bekommen haben. Auch hier ist das Bild allerdings widersprüchlich. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Alysia De Melo analysierte 55 BookTok Videos mit Blick auf Diversität. Die Stichprobe ist klein und sollte deshalb nicht verallgemeinert werden. Trotzdem ist das Ergebnis interessant: Unter den besonders häufig besprochenen Autor*innen waren marginalisierte Stimmen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. BookTok kann also Nischen öffnen. Gleichzeitig kann die breite Aufmerksamkeit erstaunlich homogen werden.

Wenn nach dem Buch schon das nächste kommen soll

Für Autor*innen entsteht daraus noch eine weitere Ebene. Wenn Leser*innen sehr viel konsumieren und erfolgreiche Genres ständig neuen Stoff brauchen, verändert sich irgendwann auch die Erwartung an diejenigen, die diese Bücher schreiben. Mein Eindruck ist, dass Veröffentlichungen immer schneller aufeinanderfolgen sollen. Besonders in Romance, New Adult und ähnlichen Bereichen gehören Reihen und eng getaktete Veröffentlichungen inzwischen fest zum Markt. Ich finde das ehrlich problematisch. 

Der wirtschaftliche Mechanismus dahinter lässt sich trotzdem nachvollziehen. Aufmerksamkeit ist auf sozialen Plattformen kurzlebig. Wer gerade sichtbar ist, möchte diese Sichtbarkeit verständlicherweise nutzen. Leser*innen warten auf den nächsten Band. Verlage reagieren auf Trends. Selfpublisher*innen wissen, dass ein neuer Titel auch die älteren Bücher wieder nach vorne bringen kann. Und irgendwann entsteht das Gefühl, dass Schreiben vor allem eines sein muss: schnell. Gerade, weil ich selbst Autorin und Lektorin bin, finde ich diesen Gedanken schwierig. Bücher brauchen unterschiedlich lange. Manche Geschichten entstehen innerhalb weniger Monate. Andere weigern sich hartnäckig und müssen über einen langen Zeitraum erarbeitet werden. Und auch die Überarbeitung braucht Zeit. Wenn wir Bücher zunehmend wie fortlaufend verfügbaren Content behandeln, verändern wir irgendwann auch unsere Erwartungen an diejenigen, die sie schreiben.

Lesen muss nicht "optimiert" werden

Vielleicht liegt mein eigentliches Unbehagen deshalb gar nicht an BookTok selbst. Ich mag ja die Begeisterung, die dort für Bücher entsteht. Ich mag den Gedanken, dass Jugendliche sich gegenseitig zum Lesen bringen. Ich finde es wunderbar, wenn ein älterer Titel plötzlich wieder entdeckt wird, weil jemand emotional darüber gesprochen hat. Ich möchte nur nicht anfangen, Lesen nach denselben Maßstäben zu betrachten wie andere Bereiche unseres Alltags, die wir längst "durchoptimiert" haben.

Ich muss keine bestimmte Anzahl Bücher schaffen.

Ich muss meinen Stapel ungelesener Bücher nicht bezwingen.

Und wenn ich ein Buch nach hundert Seiten weglege, war diese Lesezeit nicht verschwendet.

Literatur ist viel zu vielfältig, um sie auf das zu reduzieren, was gerade besonders gut in ein kurzes Video oder eine Bestsellerliste passt. Manche Bücher sind sofort zugänglich. Andere brauchen Geduld. Manche erzählen genau die Geschichte, die wir erwartet haben. Andere irritieren uns erst einmal ordentlich. Ich möchte mir beides erhalten. Und wenn ich nach einem Roman zwei Tage lang kein neues Buch anfange, weil ich noch über den alten nachdenke, habe ich beim Lesen ziemlich sicher nichts verpasst.


Quellenhinweise

Für diesen Beitrag habe ich unterschiedliche Quellen und Informationen recherchiert und verwendet:

Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen: Studie "Bock auf Buch! - Wie junge Menschen heute Bücher finden und kaufen", 2024. Studie beim Börsenverein

TikTok Newsroom, auf Basis von NielsenIQ BookData und Media Control: "#BookTok Community treibt weiter Buchverkäufe: Über 50 Millionen verkaufte Bücher in Europa", 19. März 2026. Auswertung zu BookTok Verkäufen 2025

Jeroen Dera: "BookTok: A Narrative Review of Current Literature and Directions for Future Research", Literature Compass, 2024. Wissenschaftliche Übersicht zu BookTok

Alysia De Melo: "The Influence of BookTok on Literary Criticisms and Diversity", Social Media + Society, 2024. Studie zu BookTok und Diversität

Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Analyse zu New Adult und Young Adult, Verkaufsdaten 2025 und VLB Daten, veröffentlicht 2026. Analyse New Adult und Young Adult