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Die Scham gehört den Tätern: Warum mich Eine Hymne an das Leben erschüttert und beeindruckt hat
Ich wusste, was Gisèle Pelicot widerfahren war. Ich kannte
die Schlagzeilen über den Prozess von Avignon. Ich wusste, dass ihr damaliger
Ehemann Dominique sie über Jahre hinweg mit Medikamenten betäubt, vergewaltigt
und fremden Männern zur Vergewaltigung überlassen hatte. Ich wusste, dass
Gisèle Pelicot auf einen öffentlichen Prozess bestanden und damit eine
Entscheidung getroffen hatte, die weit über ihr eigenes Verfahren hinauswirkte.
Und natürlich kannte ich den Satz, der seither mit ihrem Namen verbunden ist: „Die
Scham muss die Seite wechseln.“
Dann habe ich Eine Hymne an das Leben gelesen und
verstanden, wie wenig ein Mensch in eine Schlagzeile passt.
Das Buch erschien am 17. Februar 2026 gleichzeitig in
zahlreichen Ländern und Sprachen. Gisèle Pelicot hat es gemeinsam mit der
französischen Journalistin und Schriftstellerin Judith Perrignon verfasst.
Patricia Klobusiczky übertrug den Text ins Deutsche. Es ist keine nachträglich
ausgeschmückte Prozesschronik und kein True-Crime-Buch. Es ist die
Lebensgeschichte einer Frau, deren bisherige Vorstellung von Liebe, Ehe,
Familie, Verbundenheit und Vergangenheit innerhalb weniger Stunden
zusammengebrochen ist.
Hinweis: In dieser Rezension geht es um Vergewaltigung,
sexualisierte Gewalt und das Betäuben eines Menschen zum Zweck sexueller
Übergriffe.
Literarische Qualität
Ich habe dieses Buch verschlungen. Das klingt beinahe
unpassend angesichts seines Inhalts, aber ich finde kein treffenderes Wort. Ich
las weiter, weil Gisèle Pelicot mit einer solchen Entschlossenheit erzählt,
dass ich mich ihrer Stimme kaum entziehen konnte. Ihre Lebensgeschichte hat
mich zutiefst erschüttert und berührt. Noch stärker als die bereits bekannten
Fakten traf mich die Art, wie direkt sie das Verbrechen ausspricht. Sie
verbirgt es nicht hinter Andeutungen. Sie erleichtert weder sich selbst noch
ihren Leser*innen die Konfrontation mit dem Geschehen. Das ist schwer
auszuhalten. Und genau darin liegt ein Teil der Bedeutung dieses Buches.
Eine Hymne an das Leben beginnt nicht mit dem Gerichtsprozess oder einem Täter. Das Buch beginnt mit einem gedeckten Frühstückstisch. „Den Frühstückstisch decke ich immer am Vorabend“, schreibt Gisèle Pelicot im ersten Satz. Es ist eine alltägliche Handlung. Die Vorbereitung auf einen Morgen, an dem alles seinen vertrauten Gang gehen soll. Gleichzeitig steckt in diesem Ritual bereits das zentrale Spannungsverhältnis des Buches. Diese Eröffnung ist literarisch sehr geschickt. Sie setzt nicht auf einen spektakulären Einstieg, obwohl das Material jede Form der Dramatisierung erlauben würde. Stattdessen beginnt Gisèle Pelicot bei dem, was ihr Leben für sie selbst gewesen ist: ein Alltag, eine Ehe, eine Familie, gemeinsame Mahlzeiten, Arbeit, Kinder und Enkelkinder. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich ermessen, was ihr genommen wurde. Die Erzählung folgt grundsätzlich der Entwicklung von jenem Tag im November 2020, an dem die Polizei Gisèle Pelicot mit den Aufnahmen konfrontiert, bis zum Prozess und ihrem Leben danach. Gleichzeitig wird diese zeitliche Linie immer wieder durch Erinnerungen unterbrochen. Gisèle Pelicot erzählt von ihrer Kindheit, vom frühen Tod ihrer Mutter, von ihrem Vater, von der ersten Begegnung mit Dominique, von ihrer Ehe, ihren beruflichen Erfolgen und dem Familienleben, das sie über Jahrzehnte als glücklich empfunden hat. Deutschlandfunk Kultur hebt zu Recht hervor, dass diese Rückblicke keine Nebensache sind. Sie schaffen erst das Verständnis dafür, warum Gisèle Pelicot ihre Vergangenheit nicht einfach für ungültig erklären kann. Beim Lesen habe ich, vermutlich auch durch meine Arbeit als Lektorin, besonders auf die sprachliche Haltung geachtet. Bei autobiografischen Texten über Gewalt besteht eine schwierige Aufgabe darin, präzise zu erzählen, ohne das Erlebte für einen möglichst starken Effekt auszubeuten. Dieses Buch bewältigt diese Aufgabe bemerkenswert gut. Die Sprache ist direkt, aber nicht sensationshungrig. Gisèle Pelicot benennt Vergewaltigung als Vergewaltigung. Sie beschreibt das Betäuben, die Aufnahmen, die fehlenden Erinnerungen und die körperlichen Folgen. Sie berichtet auch davon, wie sie im Gerichtssaal gezwungen war, Bilder ihres bewusstlosen Körpers zu sehen. Doch die Darstellung verliert sich nicht in grausamen Einzelheiten. Sie nennt die Taten beim Namen, ohne die Täter durch eine voyeuristische Inszenierung erneut über ihren Körper verfügen zu lassen.
Die Zusammenarbeit mit Judith Perrignon ist dem Buch
anzumerken, ohne dass Gisèle Pelicots Stimme dahinter verschwindet. Der Text
ist strukturiert, wirkt aber nie wie ein journalistischer Bericht. Im
Mittelpunkt steht Gisèle Pelicots Wahrnehmung. Manche Abschnitte sind fast
protokollarisch, andere sehr persönlich. Diese Unterschiede passen zu einer
Geschichte, in der eine Frau abwechselnd Zeugin, Betroffene, Mutter, ehemalige
Ehefrau und öffentliche Figur sein musste.
Psychologische Tiefe
Das psychologisch Verstörendste an diesem Buch ist nicht
allein die Beschreibung der Verbrechen. Es ist die Tatsache, dass Gisèle
Pelicot fünfzig Jahre lang mit einem Mann zusammenlebte, den sie liebte und dem
sie vertraute. Nach der Entdeckung soll sie nicht nur begreifen, was Dominique getan
hat. Sie soll zugleich entscheiden, was ihre gesamte gemeinsame Vergangenheit
nun bedeutet. Waren die glücklichen Jahre eine Lüge? Waren ihre Erinnerungen
falsch? Darf sie weiterhin an gute Momente denken, obwohl sie inzwischen weiß,
zu welcher Gewalt dieser Mann fähig war?
Das Buch bietet darauf keine einfache Antwort.
Gisèle Pelicot weigert sich, ihre Biografie rückwirkend in eine eindeutige Täter-Opfer-Erzählung umzuschreiben. Das bedeutet nicht, dass sie Dominique entschuldigt. Seine Schuld wird an keiner Stelle relativiert. Aber sie besteht darauf, dass auch ihre eigenen Erinnerungen zu ihrem Leben gehören. Die Liebe, die sie empfunden hat, war für sie real. Diese Unterscheidung gehört für mich zu den stärksten Gedanken des Buches. Würde Gisèle Pelicot alles auslöschen, was mit ihrem ehemaligen Mann verbunden ist, würde sie damit auch einen großen Teil ihres eigenen Lebens auslöschen. Sie verteidigt ihre Erinnerung vor dem Anspruch anderer Menschen, ihr nachträglich erklären zu wollen, wie sie ihre Ehe zu bewerten hat. Deutschlandfunk Kultur weist in seiner Rezension auf die komplexen Familiendynamiken hin, die nach der Entdeckung der Taten entstehen. Gisèle Pelicots erwachsene Kinder wollen ihre Mutter schützen und übernehmen dabei zeitweise Entscheidungen über ihren Kopf hinweg. Hinter all dem stehen Fürsorge, Entsetzen, aber auch der eigene Schmerz der Kinder. Trotzdem erlebt Gisèle Pelicot manches davon als weitere Einschränkung ihrer Selbstbestimmung. Auch die Spannungen mit ihrer Tochter Caroline werden nicht verschwiegen. Das Buch ordnet die Familie nicht in gute und schlechte Menschen. Alle sind verletzt, aber nicht auf dieselbe Weise. Alle versuchen, mit einer Wahrheit umzugehen, die ihre gemeinsame Geschichte zerstört hat. Dabei geraten ihre Bedürfnisse zwangsläufig aneinander. Gisèle Pelicot beansprucht das Recht, in ihrem eigenen Tempo zu begreifen. Ihre Kinder beanspruchen das Recht auf ihre Wut. Ihre Tochter muss zusätzlich mit dem Verdacht und späteren Erkenntnissen umgehen, selbst von ihrem Vater sexualisiert worden zu sein. Das Buch löst diese Konflikte nicht durch eine versöhnliche Schlussszene auf. Es zeigt, dass eine Familie nach einer solchen Entdeckung nicht einfach zu ihrem früheren Zustand zurückkehren kann. Ebenso eindringlich ist die Auseinandersetzung mit der öffentlichen Rolle, die Gisèle Pelicot während des Prozesses zugewiesen wurde. In den Medien wurde sie zur mutigen und unerschütterlichen Frau. Diese Zuschreibungen waren anerkennend gemeint. Trotzdem können auch positive Etiketten einen Menschen einengen. Wer zur Ikone erklärt wird, darf scheinbar nicht zusammenbrechen. Gisèle Pelicot widersetzt sich dieser Vereinfachung. Sie schreibt über Einsamkeit, Verzweiflung, körperliche Beschwerden, Wut und den zeitweiligen Verlust jeder Zukunftsvorstellung. Ihr Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben erscheint nicht als geradlinige Heilung. Er besteht aus vielen kleinen Entscheidungen. Sie beginnt mit Spaziergängen. Sie richtet sich ein neues Zuhause ein. Sie lässt Freundschaften zu. Sie verliebt sich wieder. „Ich wollte wieder jemanden lieben. Ich hatte keine Angst“, schreibt sie über ihre neue Beziehung. Dennoch ist es keine romantische Erlösungsgeschichte. Ein neuer Partner macht das Geschehene nicht ungeschehen. Aber die neue Liebe zeigt, dass der Täter nicht darüber bestimmen kann, welche Gefühle in ihrem weiteren Leben noch möglich sind.
Gesellschaftliche Relevanz
Im Dezember 2024 wurden Dominique Pelicot und 50 weitere
Angeklagte schuldig gesprochen. Dominique Pelicot erhielt die Höchststrafe von
zwanzig Jahren Haft. Der Prozess erlangte internationale Bedeutung, weil Gisèle
Pelicot auf ihr Recht auf Anonymität verzichtete und verlangte, dass die
Verhandlung öffentlich stattfindet.
Diese Entscheidung bildet den gesellschaftlichen Kern des
Buches.
Bei Verfahren wegen sexualisierter Gewalt wird häufig über
das Verhalten der betroffenen Frau gesprochen. Warum hat sie nichts bemerkt?
Warum ist sie geblieben? Warum hat sie vertraut? Warum hat sie früher nicht
gesprochen? Warum erinnert sie sich nicht genau? Warum verhält sie sich nach
der Tat nicht so, wie Außenstehende es von einem Opfer erwarten? Im Fall von Gisèle
Pelicot waren solche Fragen besonders absurd. Sie war bewusstlos. Ihr Mann
hatte dafür gesorgt, dass sie weder zustimmen noch sich wehren konnte. Dennoch
versuchten Verteidiger im Prozess, ihr Sexualleben und ihr Verhalten zum
Gegenstand der Verhandlung zu machen. Gisèle Pelicot hat später beschrieben,
wie demütigend diese Strategie für sie war. Mit ihrer Entscheidung für die
Öffentlichkeit verschob sie die Blickrichtung. Die Männer sollten gesehen
werden. Ihre Ausreden sollten gehört werden. Die Gesellschaft sollte sich damit
auseinandersetzen, wer diese Täter waren. Unter ihnen befanden sich Männer mit Familien
und gesellschaftlichen Beziehungen. Der Prozess stellte damit eine unbequeme
Frage: Welche Vorstellungen von Frauen, Sexualität und männlichem Anspruch
ermöglichen es Männern, eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen und sich
anschließend einzureden, sie hätten keine Verantwortung?
„Die Scham muss die Seite wechseln“ ist deshalb weit mehr
als ein persönlicher Satz. Er widerspricht einem tief verankerten
gesellschaftlichen Mechanismus. Scham bringt Betroffene zum Schweigen. Sie
schützt Täter, Familiennamen, berufliche Existenzen und soziale Fassaden. Gisèle
Pelicots Forderung lautet, dass die moralische Last dort liegen muss, wo die
Verantwortung liegt. Beim Lesen fand ich es bemerkenswert, dass Gisèle Pelicot
daraus keinen pauschalen Kampf gegen Männer macht. Sie trennt zwischen den
Tätern und anderen Männern. In der taz-Rezension wird etwa hervorgehoben, dass
sie dem Sohn einer Freundin widerspricht, als dieser sich nach dem Prozess dafür
schämt, ein Mann zu sein. Auch ihre Entscheidung für zwei männliche Anwälte und
ihre spätere neue Beziehung zeigen, dass ihr Feminismus nicht auf einem
Generalverdacht beruht. Gerade deshalb ist ihre gesellschaftliche Analyse
so überzeugend. Sie verlangt keine einfache Einteilung der Welt in Frauen und
Männer, Gute und Böse. Sie verlangt Verantwortung. Sie spricht über
patriarchale Prägungen, über männliche Verfügungsansprüche und über eine
Kultur, in der Grenzverletzungen häufig erst dann ernst genommen werden, wenn
sie ein kaum noch vorstellbares Ausmaß erreicht haben. Der Fall hat außerdem
die Aufmerksamkeit auf das Betäuben von Menschen zum Zweck sexualisierter
Gewalt gelenkt. Gisèle Pelicot litt jahrelang unter Erinnerungslücken und
körperlichen Beschwerden, ohne deren Ursache zu kennen. In Frankreich wird in
diesem Zusammenhang von „soumission chimique“, also chemischer Unterwerfung,
gesprochen. Der öffentliche Prozess löste eine internationale Debatte darüber
aus, wie solche Taten erkannt, verhindert und juristisch verfolgt werden
können.
Persönliche Wirkung
Ich habe selten ein so mutiges Buch gelesen. Dabei meine ich mit Mut nicht, dass Gisèle Pelicot jede Seite scheinbar ungerührt übersteht. Mich beeindruckt, dass sie sich nicht darauf beschränkt, eine bewunderungswürdige Version ihrer selbst zu präsentieren. Sie schreibt auch über ihre Irrtümer und ihr Bedürfnis, an Teilen ihrer Vergangenheit festzuhalten. Sie riskiert damit, erneut beurteilt zu werden. Das ist in meinen Augen eine besonders radikale Form der Offenheit. Manche Passagen waren für mich kaum auszuhalten. Nicht, weil sie sprachlich drastisch ausgeschmückt wären, sondern weil Gisèle Pelicot sich weigert, das Geschehen durch beschönigende Begriffe auf Abstand zu halten. Sie spricht von Vergewaltigung. Sie spricht von ihrem bewusstlosen Körper. Sie spricht davon, dass ihr damaliger Mann nach außen fürsorglich erschien, während er heimlich ihre Beschwerden verursachte. Und sie spricht über die schreckliche Gleichzeitigkeit zweier Wahrheiten: Sie hat ihn geliebt, und er hat ihr unvorstellbare Gewalt angetan. Es wäre leichter, Dominique ausschließlich als ein von Beginn an erkennbares Monster zu betrachten. Dann könnten wir glauben, eine solche Gefahr müsse sichtbar sein. Das Buch nimmt uns diese beruhigende Vorstellung. Im Guardian-Interview sagte Gisèle Pelicot sinngemäß, ihr ehemaliger Mann sei von seinem Umfeld gemocht worden, und genau das sei so erschreckend. Ich habe beim Lesen viel über Vertrauen nachgedacht. Vertrauen ist notwendig, damit Nähe überhaupt möglich wird. Gleichzeitig wurde genau dieses Vertrauen gegen Gisèle Pelicot verwendet. Trotzdem zieht sie daraus nicht den Schluss, dass Misstrauen die einzige vernünftige Lebenshaltung sei.
Eine Hymne an das Leben hat mich beeindruckt und
erschüttert zurückgelassen. Ich bewundere die Genauigkeit, mit der Gisèle
Pelicot spricht, und die Konsequenz, mit der sie sich gegen jede Reduzierung
wehrt. Sie ist nicht nur die Frau aus dem Prozess von Avignon. Sie ist die
Autorin ihrer Geschichte. Dieses Buch ist schmerzhaft und unbedingt lesenswert.
Quellenhinweise
Neben meiner eigenen Lektüre wurden für diese Rezension die Verlagsinformationen und die Leseprobe des Piper Verlags sowie Beiträge und Interviews von Deutschlandfunk Kultur, NDR Kultur, taz, The Guardian, Reuters und Associated Press herangezogen.
