Madame Mort und der tote Onkel – Pierre Lagrange | Eine Rezension

[Werbung]Vielen Dank an FICHER Scherz für die Bereitstellung dieses kostenfreien Rezensionsexemplars über NetGalley. Die geäußerte Meinung ist meine eigene. Die deutsche Ausgabe erscheint am 07.10.2026.

Urlaub in der Provence, Leiche leider verschwunden

Dieses Buch habe ich im Urlaub gelesen und schon nach den ersten Seiten gemerkt: Das war eine ausgesprochen gute Entscheidung. Madame Mort und der tote Onkel von Pierre Lagrange war leicht genug für entspannte Strandtage, spannend genug, um es ständig wieder in die Hand zu nehmen, und so humorvoll, dass ich mich in St. Pierre sofort wohlgefühlt habe. Was angesichts einer gestohlenen Leiche vielleicht ein wenig merkwürdig klingt.

Im Mittelpunkt steht Prof. Dr. Berthe Saunier, Rechtsmedizinerin in Nimes, Anfang fünfzig, Besitzerin einer auffälligen roten Brille und eines knallgrünen Renault 5. Eigentlich möchte sie zu Hause in ihrem Bauerngarten entspannen. Dann wird sie mitten in der Nacht als Geburtshelferin gebraucht und erfährt ganz nebenbei, dass der verstorbene Onkel ihres Lieblingsgemüsehändlers verschwunden ist. Seine Leiche wurde beim Bestatter gestohlen. Natürlich kann Berthe das nicht einfach hinnehmen. Schon gar nicht, als ihr auffällt, dass bei der Sache einiges nicht zusammenpasst.

Das Buch bildet den Auftakt einer neuen Reihe um Berthe Saunier. Wer die Provence-Krimis um Albin Leclerc bereits kennt, wird einige vertraute Figuren wiedersehen. Für alle anderen funktioniert der Einstieg trotzdem problemlos. Ich kannte die Figuren vorher nicht und mochte sie ab der ersten Seite.

Literarische Qualität

Pierre Lagrange erzählt diesen Krimi mit einem Tempo, das bestens zum Genre passt. Die Kapitel sind eher kurz und an den Kapitelenden wartet oft der berühmte kleine Haken, der einen weiterlesen lässt. So habe ich das Buch innerhalb kurzer Zeit verschlungen.

Besonders gelungen finde ich den Einstieg. Berthe denkt über Mord nach, während ihr Mann friedlich neben ihr liegt. Der Grund ist allerdings kein düsteres Geheimnis. Es geht um den Nachbarn, der nachts sehr ausdauernd und sehr schlecht Akkordeon spielt. Damit ist der humorvolle Ton des Romans sofort gesetzt. Die Sprache ist unkompliziert und bildhaft. St. Pierre, die Marktplätze, Gemüsefelder und Landstraßen der Provence sind schnell vorstellbar. Dazu kommt diese besondere Dorfromantik. Der Schauplatz wirkt dabei aber nie wie eine Urlaubskulisse, die einfach hinter die Handlung geschoben wurde. Er beeinflusst die Figuren, ihre Beziehungen und schließlich auch den Fall. In einem älteren Interview mit Krimi-Couch erklärte der Autor, dass ihm Schauplätze wichtig sind, die er kennt und authentisch beschreiben kann. Auf seiner eigenen Website erzählt Sven Koch, der hinter dem Pseudonym Pierre Lagrange steht, zudem von der familiären Verbindung zur Provence: Seine Mutter und ihr Mann führten dort lange ein Hotel und Restaurant. Diese Vertrautheit merkt man dem Roman an. Er erzählt genüsslich von der Region, ohne zum Reiseführer zu werden.

Aus Lektorinnensicht hat mir besonders gefallen, wie schnell die Figuren durch kleine wiederkehrende Details erkennbar werden. Berthes rote Brille, ihr grünes Auto, ihre Vorliebe für Süßes und ihr Skelett Hugo sind keine wahllos verteilten Marotten. Sie ergeben zusammen eine Figur, die sofort Profil bekommt. 

Die Krimihandlung selbst bleibt trotz aller Leichtigkeit präsent. Aus einer skurrilen Ausgangsidee entsteht ein Rätsel mit mehreren Spuren, Verdachtsmomenten und Verbindungen. Ich konnte mitdenken, wurde aber nicht mit komplizierten Konstruktionen beschäftigt. Das Buch macht es einem angenehm einfach, dranzubleiben.

Psychologische Tiefe

Madame Mort und der tote Onkel ist ein Cosy Crime und will kein schweres Psychodrama sein. Trotzdem ist Berthe fachlich kompetent und ausgesprochen empathisch. Genau diese Eigenschaften bringen sie immer wieder in Schwierigkeiten. Wenn Berthe den Eindruck hat, dass jemandem Unrecht geschieht, hält sie Abwarten nur begrenzt aus. Sie folgt ihrer Intuition und überschreitet dabei gern Grenzen. Das macht sie sympathisch, weil ihre Fehler unmittelbar aus ihren Stärken entstehen. Daneben gibt es aber auch ernstere Seiten. Berthe und Cesar sind kinderlos geblieben. Als Berthe zu Beginn bei einer Geburt hilft, berührt das deshalb eine alte Verletzung. Der Roman dramatisiert diesen Punkt nicht aus. Er lässt ihn einfach da sein. Auch Cesars frühere Erkrankung und Berthes Arbeit mit Opfern zeigen, dass ihr Bedürfnis zu helfen eine Geschichte hat. Besonders mochte ich ihre Gespräche mit Hugo, dem Anatomieskelett in ihrem Arbeitszimmer. Hugo ist natürlich kein echtes Gegenüber. Er ist Berthes innere Stimme, ihr Gewissen, ihr Denkpartner und gelegentlich die vernünftigste Person im Raum. Diese Szenen sind komisch, verraten aber auch viel darüber, wie Berthe ihren Beruf verarbeitet. Sie arbeitet täglich mit dem Tod und betrachtet es als ihre Aufgabe, den Verstorbenen eine Stimme zu geben. Darin liegt mehr Ernst, als der heitere Ton zunächst vermuten lässt.

Auch die Nebenfiguren sind interessant. Lorraine jongliert Polizeiarbeit, Scheidung und eine pubertierende Tochter. Pascal möchte Berthe beeindrucken und gerät dabei in Situationen, über die er lieber vorher genauer Bescheid gewusst hätte. Cesar begegnet den Eskapaden seiner Frau mit Zuneigung und einer erstaunlichen Belastbarkeit. Dadurch entsteht ein Ensemble, auf dessen nächsten Auftritt ich mich schon jetzt freue.

Gesellschaftliche Relevanz

Ein unterhaltsamer Provence-Krimi muss keine große Gesellschaftsanalyse liefern. Dieses Buch greift trotzdem einige Themen auf, die über den eigentlichen Fall hinausweisen. An erster Stelle steht für mich Berthe selbst. Frauen über fünfzig dürfen in Romanen noch immer erstaunlich oft vernünftig oder unsichtbar sein. Berthe ist nichts davon in der erwartbaren Form. Sie ist Professorin und Rechtsmedizinerin, verheiratet, kinderlos, eitel und selbstironisch, verantwortungsbewusst und impulsiv. Ich habe alles daran geliebt.

Zugleich erzählt der Roman von einem Dorf, in dem Tradition einen hohen Wert besitzt und wirtschaftliche Veränderungen Angst auslösen. Familienbetriebe, Erbschaften, Grundstücke und Zukunftspläne sind eng miteinander verknüpft. Der Roman behandelt das leichtfüßig, aber keineswegs gedankenlos.

Persönliche Wirkung

Ich habe das Buch wirklich verschlungen. Und ja, möglicherweise hatte die Urlaubssituation ihren Anteil daran. Sonne, Strand, freie Zeit und ein französischer Krimi sind ohnehin eine ziemlich verlässliche Kombination. Madame Mort und der tote Onkel hätte für diesen Anlass kaum besser passen können. Ich mochte die Protagonistin ab Seite eins. Sie ist klug, warmherzig, neugierig und herrlich unvernünftig, sobald sie glaubt, im Recht zu sein. Ihre Ehe mit Cesar, die Freundschaft mit Lorraine und ihre Gespräche mit Hugo geben der Geschichte etwas Vertrautes. Ich wollte wissen, wie der Fall ausgeht und gleichzeitig wollte ich einfach noch ein bisschen bei diesen Menschen bleiben.

In letzter Zeit habe ich meine Liebe zu französischen Krimis entdeckt, und dieses Buch hat sie sehr zuverlässig weiter angefacht. Für mich ist Madame Mort und der tote Onkel eine gelungene Urlaubslektüre und ein vielversprechender Reihenauftakt: unterhaltsam, spannend, humorvoll und so angenehm zu lesen, dass die Seiten schneller weg waren als der titelgebende Onkel. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Band!


Quellenhinweise

Für diese Rezension habe ich neben dem vorab bereitgestellten E-Book folgende öffentliche Quellen berücksichtigt: S. Fischer Verlage: Buchseite zu Madame Mort und der tote Onkel, Sven Koch: Autorenseite, Krimi-Couch: Interview mit Sven Koch, Vorablesen: Madame Mort und der tote Onkel. Die Rezension gibt meine persönliche Leseerfahrung und unabhängige Meinung wieder.