Nach der Sonne schauen – Martina Hefter | Eine Rezension

[Werbung] Vielen Dank an den Verlag Klett-Cotta für die Bereitstellung dieses kostenfreien Rezensionsexemplars über NetGalley vor der Veröffentlichung. Die geäußerte Meinung ist meine eigene.

Ein KI-Hund & Menschsein

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Martina Hefter steht die Installationskünstlerin Iona Bartschok, die sich für einige Zeit ins Leipziger Umland zurückzieht. Dort arbeitet sie an einem neuen Kunstprojekt und trifft unter anderem auf Robyn, einen KI-generierten Hund auf einem Bildschirm. Mehr möchte ich über die Handlung eigentlich gar nicht erzählen, denn schnell wird deutlich, dass es hier ohnehin um wesentlich mehr geht als um die Frage, was Iona in diesem Sommer erlebt.

Die Autorin beschäftigt sich mit Kunst und Natur, mit Erinnerung und Verlust, mit Beziehungen zwischen Menschen und Tieren und immer wieder mit der Frage, was Menschsein eigentlich bedeutet. Und ausgerechnet ein künstlich erzeugter Hund gehört dabei zu den Figuren, über die ich am meisten nachgedacht habe.

Literarische Qualität

Martina Hefter erzählt nicht geradlinig. Gedanken führen zu Erinnerungen, Beobachtungen zu neuen Fragen, Gegenwart und Vergangenheit greifen ineinander. Wer einen Roman erwartet, der seine Handlung möglichst zügig vorantreibt, dürfte sich deshalb erst einmal an den Rhythmus gewöhnen müssen. Ich mochte diese Art des Erzählens grundsätzlich sehr. Martina Hefter beobachtet genau und verbindet scheinbar beiläufige Situationen mit größeren Fragen. Man merkt ihrer Prosa auch an, dass sie nicht nur Schriftstellerin, sondern ebenso Lyrikerin und Performerin ist. In einem Interview mit der Klassik Stiftung Weimar spricht sie selbst darüber, wie eng Schreiben, Bewegung und Performance für sie zusammengehören. Auch beim Lesen hatte ich häufig das Gefühl, dass Motive weniger linear entwickelt werden, sondern auftauchen, verschwinden und später in veränderter Form wiederkehren. Irgendwann habe ich allerdings angefangen, über genau diese Wiederholungen nachzudenken. Denn so sehr dieses Kreisen zur Figur und zum Roman passt, hätte ich mir an einigen Stellen eine stärkere Straffung gewünscht. Manche Gedanken werden mehrfach variiert, ohne dass für mich jedes Mal wirklich etwas Neues hinzukam. Dadurch zog sich das Buch für mein Empfinden stellenweise etwas in die Länge. Das ist für mich auch der größte Kritikpunkt an einem Roman, dessen Sprache und Komposition ich ansonsten sehr gern mochte.

Psychologische Tiefe

Besonders interessant fand ich, wie widersprüchlich die Autorin ihre Hauptfigur erzählt. Iona denkt, urteilt, zweifelt, erinnert sich, reagiert manchmal ungerecht und hinterfragt sich an anderer Stelle wieder selbst. Ihre Gedanken bewegen sich immer wieder zwischen sehr persönlichen Erfahrungen und viel größeren Fragen. Was bedeutet Verantwortung? Wann entsteht Verbundenheit? Warum entwickeln wir Gefühle für bestimmte Menschen, Tiere oder sogar Dinge? Was können wir kontrollieren und was eben nicht? Martina Hefter beantwortet diese Fragen nicht für ihre Leserschaft. Sie lässt sie nebeneinanderstehen. Das mochte ich ausgesprochen gern. Der Roman vertraut darauf, dass man Widersprüche aushalten kann. Menschen können gleichzeitig fürsorglich und egoistisch sein, vernünftig und irrational, hoffnungsvoll und resigniert. Und manchmal wissen sie selbst nicht genau, warum ihnen etwas so viel bedeutet.

Gesellschaftliche Relevanz

Am spannendsten war für mich der Umgang mit künstlicher Intelligenz. Der KI-Hund Robyn wirkt zunächst beinahe unspektakulär. Und gerade deshalb funktioniert diese Idee so gut. Denn irgendwann geht es gar nicht mehr nur darum, was künstliche Intelligenz kann. Viel interessanter ist die Frage, was Menschen in ihr sehen. Wir wissen zwar, dass etwas programmiert ist, und reagieren trotzdem emotional darauf. Wir geben technischen Systemen sogar Namen, erkennen Persönlichkeiten in ihnen, sprechen mit ihnen und schreiben ihnen Absichten zu. Martina Hefter macht daraus aber keine Warnung. Sie interessiert sich vielmehr dafür, was diese Reaktionen über uns Menschen erzählen. Das fand ich reizvoll, weil das Thema KI inzwischen häufig entweder mit großer Begeisterung oder mit ähnlich großer Angst diskutiert wird. Nach der Sonne schauen verweigert sich dieser einfachen Einteilung. Daneben ist dieses Buch voller Gedanken und beschäftigt sich u. a. mit Klimaveränderungen, dem Umgang mit Natur und Tieren, Kunst, Gewalt, Verantwortung und der Frage, wie wir in einer Welt leben wollen, von der wir längst wissen, dass wir sie grundlegend verändert haben. Erstaunlicherweise hatte ich trotz der vielen Themen selten den Eindruck, dass Martina Hefter eine gesellschaftliche Debatte einfach nur in ihre Geschichte einbauen wollte. Vieles entsteht aus Ionas Wahrnehmung und ihren persönlichen Erfahrungen heraus.

Persönliche Wirkung

Ganz mühelos habe ich Nach der Sonne schauen nicht gelesen. Es gab Passagen, in denen ich mir gewünscht hätte, dass der Roman schneller weitergeht. Manche Gedankenschleife hätte für mich kürzer sein dürfen. Zwischendurch musste ich mich deshalb ein wenig zurück in die Geschichte holen. Und trotzdem hat mir das Buch gefallen. Besonders die Beziehung zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz hat mich beschäftigt. Was braucht es, damit wir Verbundenheit empfinden? Und wird ein Gefühl dadurch weniger echt, weil sein Gegenüber es nicht erwidern kann?

Aber auch darüber hinaus kreist der Roman immer wieder um etwas sehr Grundsätzliches: Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein? Ich habe die Figuren im Buch gern beim Denken begleitet. Nicht alles hat mich gleichermaßen überzeugt. Aber vieles hat mich beschäftigt.


Quellenhinweise

Alle Einschätzungen und Interpretationen des Romans beruhen auf meiner eigenen Lektüre des Rezensionsexemplars. Ergänzend habe ich öffentliche Informationen zur Autorin und zum Roman berücksichtigt:

Klett-Cotta: Verlagsinformationen und Herbstvorschau 2026 zu Nach der Sonne schauen.

Klassik Stiftung Weimar: "5 Fragen an... Martina Hefter", Interview vom 2. April 2025. Das Interview wurde für die Einordnung von Hefters Verbindung von Literatur, Tanz und Performance herangezogen.