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Tschechien auf der FBM 2026: Was ich jetzt lesen will
Bei tschechischer Literatur denke ich zuerst an Kafka und Kundera. Danach wird es dünn. Das ist ein bisschen peinlich, vor allem weil ich beide sehr liebe. Kafka gehört zu den Autoren, zu denen ich immer wieder zurückkehren kann. Und Kundera hat Bücher geschrieben, bei denen ich mich manchmal schon nach wenigen Seiten frage, warum ich selbst eigentlich so selten auf genau diese Art über Literatur nachdenke. Aber diese beiden Autoren machen die Sache auch etwas kompliziert. Kafka wurde in Prag geboren, schrieb auf Deutsch und bewegte sich zwischen deutscher, tschechischer und jüdischer Kultur. Das Franz Kafka Museum bezeichnet ihn als einen der wichtigsten Vertreter der deutschsprachigen Prager Literatur. Kundera wiederum wurde in Brünn geboren, emigrierte 1975 nach Frankreich und schrieb seine späteren Werke auf Französisch. Literatur hält sich also nicht mal eben an Landesgrenzen (und das ist auch gut so).
Ich habe mich ein bisschen durch die Liste der Bücher und Autor*innen gelesen, die im Rahmen des Ehrengastauftritts auf der FBM vorgestellt werden. Dabei ist mir bewusst geworden, wie wenig meine bisherige Vorstellung von tschechischer Literatur mit dem zu tun hat, was aktuell gerade geschrieben wird.
Ein Ehrengast im Bücherregal
75 tschechische Autor*innen sind in diesem Jahr zur Frankfurter Buchmesse eingeladen. Mehr als 100 literarische und kulturelle Veranstaltungen sind rund um den Ehrengast geplant. Dazu kommen mehr als 100 Titel, die zwischen 2024 und 2026 in Übersetzung erscheinen beziehungsweise schon erschienen sind. Die Auswahl reicht von Romanen und Lyrik über Comics bis zu Kinderbüchern. Und die Zahl der Übersetzungen ist entscheidend! Denn natürlich kann ich nur lesen, was für mich (sprachlich) verständlich ist. Es klingt vielleicht banal, aber welche ausländischen Autor*innen wir kennen, hängt auch davon ab, welche Verlage Übersetzungen wagen, welche Übersetzer*innen diese Bücher ins Deutsche bringen und welche Literatur durch Förderprogramme überhaupt eine Chance auf Sichtbarkeit bekommt.
Tschechien hat seinen Auftritt in Frankfurt deshalb über Jahre vorbereitet. Für Übersetzungen ins Deutsche wurden zusätzliche Fördermittel bereitgestellt. Im Ehrengastjahr führt die Frankfurter Buchmesse inzwischen eine umfangreiche Liste deutschsprachiger Neuerscheinungen mit Bezug zu Tschechien. Und plötzlich liegt da eine Gegenwartsliteratur vor mir, von der ich bisher kaum etwas wusste. Einige Bücher interessieren mich ganz besonders ...
Marek Torcik: "Was die Zeit nicht nimmt"
Bei diesem Roman war mir schon beim Klappentext klar, dass ich ihn lesen möchte. Marek Torcik erzählt von einem queeren Jungen, der in einer konservativen mährischen Industriestadt aufwächst. Seine Kindheit und Jugend sind geprägt von Mobbing, familiären Problemen und Armut. Gleichzeitig geht es um die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen nach 1989 und darum, was diese Umbrüche mit einer Familie machen.
"Was die Zeit nicht nimmt" erschien im Februar auf Deutsch, übersetzt von Mirko Kraetsch. Das tschechische Original wurde 2024 mit dem Magnesia Litera in der Kategorie Prosa und mit dem Jiri Orten Preis ausgezeichnet. Die Übersetzungsrechte wurden mittlerweile in mehr als 27 Sprachen verkauft.
Vratislav Manak: "Mit Wittgenstein in der Schwulensauna"
Ich gebe zu: Bei diesem Titel musste ich lachen. Und dann wollte ich sofort wissen, was sich dahinter verbirgt. Vratislav Manak bewegt sich in seinem Buch zwischen Essay, literarischem Schreiben und gesellschaftlicher Beobachtung. Er beschäftigt sich mit Körperlichkeit, Sexualität, Sprache und schwuler Identität in Mitteleuropa. Der Autor selbst beschreibt sein Buch als einen Text, den er diesmal um einen Gedanken herum aufgebaut hat. Das spricht mich sehr an. Das Buch ist im Februar 2026 im Karl Rauch Verlag erschienen; die deutsche Ausgabe wurde von Lena Dorn aus dem Tschechischen übersetzt.
Magdalena Platzova: "Leben nach Kafka"
An diesem Buch komme ich schon wegen Kafka nicht vorbei. Allerdings rückt Magdalena Platzova in "Leben nach Kafka" eine Person ins Zentrum, die in der Literaturgeschichte meistens über ihre Beziehung zu ihm auftaucht: Felice Bauer. Kafka war zweimal mit ihr verlobt und schrieb ihr über Jahre Hunderte Briefe. Platzova interessierte sich dafür, was aus dieser Frau später wurde. Sie recherchierte ihre Geschichte, reiste in die USA und traf dort auch Bauers Sohn. Daraus entstand ein Roman über Felice Bauer, Grete Bloch und weitere Menschen aus Kafkas Umfeld. Die deutsche Übersetzung von Kathrin Janka erschien bereits 2024 im kleinen Balaena Verlag.
Radka Denemarkova: "Schokoladenblut"
Auch Radka Denemarkova beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman mit einer Schriftstellerin, deren Leben weit zurückliegt. In "Schokoladenblut" begegnen sich drei historische Figuren: die tschechische Schriftstellerin Bozena Nemcova, George Sand und der amerikanische Unternehmer John D. Rockefeller. Denemarkova verbindet ihre Geschichten mit Themen wie Nationalismus, Emanzipation und wirtschaftlicher Macht. Die deutsche Ausgabe erschien im Juni bei Hoffmann und Campe in der Übersetzung von Eva Profousova und wurde kurz darauf in die ORF Bestenliste aufgenommen.
Lucie Faulerova: "Ich habe den Tod gerettet"
Und dann ist da noch ein Buch, das thematisch etwas schwerer wiegt. "Ich habe den Tod gerettet" erzählt von Marie, die während einer Zugfahrt in ihre Familiengeschichte und ihre Erinnerungen zurückkehrt. Im Mittelpunkt stehen ihre verstorbene Schwester und die Frage, wie ein Leben nach einem schweren Verlust weitergehen kann. Lucie Faulerovas Roman erhielt 2021 den Preis der Europäischen Union für Literatur. Ende August ist er erstmals auf Deutsch erschienen, übersetzt von Julia Miesenböck und veröffentlicht von der Frankfurter Verlagsanstalt.
Tschechische Gegenwartsliteratur
Beim Lesen des Programms ist mir vor allem eines aufgefallen: Ich bin, in Bezug auf tschechische Literatur, in der Vergangenheit hängengeblieben. Das ist vermutlich der sinnvollste Effekt, den ein Ehrengastauftritt haben kann. Für eine Weile gerät Literatur in den Mittelpunkt, nach der ich von selbst vermutlich nicht gezielt gesucht hätte. Bei mir sind diesmal gleich mehrere Titel auf der Wunschliste gelandet. Mein eigentliches Problem mit der Frankfurter Buchmesse 2026 ist damit vermutlich gelöst: Ich bin zwar nicht dort, mein Stapel ungelesener Bücher wird aber trotzdem höher. Und Kafka muss sich künftig ein bisschen den Platz teilen.
Quellenhinweise
Für diesen Blogartikel habe ich verschiedene Quellen und weiterführende Informationen recherchiert und genutzt:
Frankfurter Buchmesse: Ehrengast Tschechien 2026 und Neuerscheinungsliste
Frankfurter Buchmesse: Liste der 75 tschechischen Autor*innen für 2026
Czechia 2026: Offizielle Seite des tschechischen Ehrengastauftritts mit Autor*innenporträts und Programm. Zu Czechia 2026
Anthea Verlag: Marek Torcik, "Was die Zeit nicht nimmt"
Balaena Verlag: Magdalena Platzova, "Leben nach Kafka"
Hoffmann und Campe: Radka Denemarkova, "Schokoladenblut"
Frankfurter Verlagsanstalt: Lucie Faulerova, "Ich habe den Tod gerettet"
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