Die Raxas: Reise nach Vinem – Cornelia Liedtke | Eine Rezension (inkl. Einblicke ins Lektorat)

[Werbung] Hinweis: Ich habe im Vorfeld das Lektorat und Korrektorat für dieses Buchs übernommen.

Wenn der neue Nachbar zaubern kann

In Cornelia Liedtkes Kinderroman Die Raxas: Reise nach Vinem beginnt das Abenteuer direkt nebenan. Ein neuer Nachbar ist für den neunjährigen Tilo schon aufregend genug. Vielleicht endlich ein Junge, mit dem er sich anfreunden kann! Dass sich in Simons Baumhaus das geheime Tor nach Vinem befindet, hätte er aber wirklich nicht vermutet. Vinem ist eine Welt, die Menschen eigentlich nicht betreten dürfen. Als ein Kind trotzdem durch dieses Tor verschwindet, müssen Tilo und Simon hinterher. Doch kaum angekommen, wartet bereits ein weiteres Problem auf sie: Der Vaton Rik wird beschuldigt, die Perle des Vollmondes gestohlen zu haben. Seine Freundin Vippa glaubt an seine Unschuld und braucht Hilfe.

Seit dem 31. Oktober 2026 ist das Buch im Handel erhältlich. Ich freue mich darüber besonders, denn ich kenne die Geschichte aus unserer gemeinsamen Arbeit am Manuskript. Gerade beim Spannungsaufbau und bei der Figurenentwicklung hat sich im Laufe des Lektorats viel getan. Es ist schön, jetzt darüber schreiben zu können.

Literarische Qualität

Cornelia erzählt die Geschichte aus Tilos Ich-Perspektive. Wir erfahren alles durch einen Jungen, der selbst erst verstehen muss, was um ihn herum passiert. Er beobachtet seine neuen Nachbarn und versucht, ihre Geheimnisse in einem Notizheft festzuhalten. Bevor er jedoch damit anfangen kann, braucht dieses Heft aber unbedingt einen passenden Titel. Darüber musste ich wirklich schmunzeln, denn es hat mich an mich selbst erinnert. Ich hatte auch als Kind eine genaue Vorstellung davon, wie ein Buch entsteht, und ein passender Titel war immer Schritt Nr. 1! Solche alltäglichen Kleinigkeiten gefallen mir. Sie machen Tilo als Kind greifbar, während um ihn herum immer mehr Magie auftaucht. Seine Gedanken sind direkt, gelegentlich ungeduldig, manchmal naiv und voller Fragen. Die vielen Dialoge geben der Geschichte Tempo. Auch der Humor entsteht oft daraus, wie die Kinder miteinander reden oder wie unterschiedlich sie auf dieselbe Situation reagieren.

Vinem selbst steckt voller origineller Einfälle. Die Häuser bestehen aus Dingen, die in der Menschenwelt verloren gegangen sind. Da werden Milchtüten zu Dächern und Socken zu Vorhängen. Beim Lesen kann man sich diese zusammengebastelte Stadt gut vorstellen. Mir gefällt daran besonders, dass Cornelia Alltagsgegenstände aufgreift, die Kinder kennen, und daraus eine eigene Welt entstehen lässt.

Auch am Spannungsaufbau haben wir im Lektorat intensiv gearbeitet. Es ging oft darum, wie sich die einzelnen Ereignisse miteinander verbinden und wie die Kinder aktiv das Geschehen beeinflussen können. Zu Beginn möchte Tilo vor allem wissen, was es mit Simon auf sich hat. Später steht wesentlich mehr auf dem Spiel. Auch das Kennenlernen der fremden Welt bleibt mit der Suche nach Hilfe verbunden. Die Reise hat ein Ziel, und unterwegs wird es für die Kinder zunehmend schwieriger, dieses Ziel zu erreichen. Ebenso wichtig war die kindgerechte Sprache. Als Lektorin schaue ich dabei besonders darauf, ob die Wahrnehmung und die Gedanken zur erzählenden Figur passen. Ich mag, wie nah wir Tilo jetzt in der Geschichte kommen und wie sich seine Neugier mit seiner Unsicherheit abwechselt.

Psychologische Tiefe

Eine meiner liebsten Stellen liegt noch vor der eigentlichen Reise. Viktor, vor dem Tilo selbst Angst hat, wird von seinen bisherigen Freunden bedrängt. Tilo könnte einfach weitergehen (und sein magischer Freund Simon würde das sogar gut finden), aber er bleibt trotzdem stehen und hilft.

„Es stimmt ja, ich hatte immer Angst vor ihm. Aber ich kann trotzdem nicht einfach wegschauen.“ (Zitat aus Kapitel 3)

Für mich zeigt sich hier sehr schön, was Tilo ausmacht. Seine Angst ist noch da, als er sich einmischt. Er handelt gegen den Impuls, sich selbst möglichst schnell in Sicherheit zu bringen, weil er sieht, dass Viktor Hilfe braucht. Auch Viktor entwickelt sich im Laufe der Geschichte. Zu Beginn erleben wir ihn als Jungen, der andere einschüchtert und mobbt. Später zeigt sich, wie unsicher er selbst sein kann und wie viel es ihm bedeutet, in die Gruppe aufgenommen zu werden. Dass er dabei gelegentlich unbeholfen bleibt, gefällt mir. Sein Verhalten verändert sich, aber er wird trotzdem keine makellose Figur.

Die Figurenentwicklung war ein wichtiger Teil im Lektorat. Wir haben uns damit beschäftigt, wie Gefühle und Entscheidungen nachvollziehbar werden und wie sich Beziehungen im Verlauf der Handlung verändern. Bei der Figur von Viktor brauchte es dafür z. B. Situationen, in denen er sich anders verhält und die anderen Kinder darauf reagieren können. Simon wiederum kann zwar zaubern, stößt aber ebenfalls an Grenzen. Er weiß längst nicht alles und braucht die anderen. Das gibt wiederum auch den Kindern ohne magische Fähigkeiten ihren Platz in der Geschichte. Besonders Lea sticht hier hervor, weil sie sich von der fremden Welt so sehr begeistern lässt und dem Unbekannten furchtlos gegenübertritt. Hinter ihrem anfangs ziemlich schroffen Auftreten steckt zugleich die Erfahrung, ausgeschlossen zu werden. Diese Verbindung aus Abenteuerlust und Verletzlichkeit finde ich bei allen Figuren gelungen.

Gesellschaftliche Relevanz

Mit Lea kommt z. B. das Thema Geld/Armut in die Geschichte. Sie besitzt kein Fahrrad und reagiert wütend darauf, dass andere Kinder eines haben. Zunächst wirkt das etwa auf Tilo ungerecht und anstrengend. Erst allmählich versteht er mehr von ihrer Situation. Lea erlebt, dass andere Mädchen sie auslachen. Was ihre Familie sich leisten kann, beeinflusst dadurch auch, wie sie sich selbst sieht. Ich finde es wichtig, dass solche Themen in Kinderbüchern vorkommen. Finanzielle Unterschiede betreffen Kinder ganz direkt, auch wenn Erwachsene lieber über etwas anderes sprechen. Bei Lea wird deutlich, wie schnell aus dem Wunsch, dazugehören zu wollen, Scham entstehen kann. Gleichzeitig lernen wir sie als mutiges und aufmerksames Mädchen kennen, das der Gruppe viel zu geben hat. Auch Riks Geschichte beschäftigt sich mit Ausgrenzung. Gegen ihn steht ein Verdacht im Raum, den seine Gemeinschaft bereits für bewiesen hält. Die Kinder erleben, wie schwer es ist, dagegen anzukommen. Selbst der magische Rat, der eigentlich für Gerechtigkeit sorgen sollte, hört zunächst kaum zu. Das wirft Fragen auf, über die sich auch nach dem Lesen noch sprechen lässt: Wem glauben wir? Und sind wir bereit, unsere Meinung zu ändern, wenn jemand unserer bisherigen Sicht widerspricht?

Besonders gefällt mir, dass Freundschaft im Roman auch schwierige Entscheidungen verlangt. Jemandem beizustehen, kann bedeuten, sich gegen eine ganze Gruppe zu stellen. Zugleich haben Verletzungen Folgen. Verständnis für einen anderen Menschen oder ein anderes Wesen führt nicht automatisch dazu, dass sofort wieder alles gut ist. Diesen Gedanken finde ich ebenso wertvoll wie die Bereitschaft, jemandem eine neue Chance zu geben.

Persönliche Wirkung

Ich kann dieses Buch natürlich nicht so lesen, als hätte ich es gerade zum ersten Mal aus dem Regal genommen, denn ich kenne die Entwicklung, die es während unserer Zusammenarbeit genommen hat. Besonders freue ich mich darüber, wie der Spannungsaufbau und die Figuren durch die gemeinsame Arbeit gewonnen haben. Darauf bin ich stolz. Und vor allem bin ich stolz auf Cornelia. Wer ein Manuskript überarbeitet, muss sich immer wieder mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen, Kritik einstecken und sich manchmal auch von einer lieb gewonnenen Idee verabschieden. Meine Aufgabe als Lektorin war es, auf Stellen aufmerksam zu machen, an denen noch nicht alles gepasst hat. Die Entscheidungen über ihren Text hat Cornelia getroffen. Zu sehen, was sie daraus gemacht hat, ist eine der schönsten Seiten meines Berufs.

An Die Raxas: Reise nach Vinem mag ich besonders, dass die Kinder bei aller Magie als Kinder erkennbar bleiben. Sie können sich füreinander einsetzen und sich kurz darauf gegenseitig auf die Nerven gehen. Sie nehmen ihre Freundschaft ernst, machen dabei aber längst nicht alles richtig. Das finde ich sympathisch. Das Buch ist für Kinder ab acht Jahren geeignet, die fantastische Abenteuer und Geschichten über Freundschaft mögen. Auch zum gemeinsamen Lesen kann ich mir das Buch gut vorstellen, weil die Erlebnisse der Figuren einiges an Gesprächsstoff bieten. Ich freue mich sehr, dass Tilo und seine Freunde jetzt von anderen entdeckt werden können. Cornelia, herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung!