Hinweis: Ich habe vom Verlag Stelling ein kostenfreies Rezensionsexemplar erhalten. Meine Einschätzung bleibt davon unberührt. [Werbung]
Ein literarischer Blick in verborgene Welten
Ein Mann mit Cowboy-Allüren betritt eine schummrige
Dorfkneipe. „Kaum kam er hier herein – und das seit gut drei Monaten einmal
wöchentlich –, war er Luke. Steifbeinig, aber mit wiegendem Hüftschwung, beide
Daumen lässig in den Schlaufen seines breiten Ledergürtels, näherte er sich
Rosi.“ So beginnt Im Spiegel, der neue Erzählband von Gudrun Heyens, und
wirft uns unvermittelt in die Innenwelt einer Figur. Diese erste Geschichte (Spannenlanger
Hansel) hat mich zunächst beinahe abgeschreckt. Ich gebe offen zu: Die
derbe, lüsterne Gedankenwelt des Protagonisten Lukas wirkte auf den ersten Blick
abstoßend. In seinen Fantasien sieht er sich bereits als machohafter Eroberer:
Er will Rosi am liebsten grob aufs Bett werfen und sie „leidenschaftlich und
wild“ lieben. Einen Moment lang war ich versucht, das Buch aus der Hand zu
legen. Doch dann blitzte die Erkenntnis auf: Soll Literatur nicht genau das?
Uns die Sicht anderer zeigen, die uns sonst so oft verwehrt bleibt?
Tatsächlich nimmt die Erzählung eine überraschende Wendung. Mehr
möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, nur so viel: Aus meinem anfänglichen
Unbehagen wurde Verständnis und Neugier. Verlegerin Dorothea Stelling, die mir Im
Spiegel als Rezensionsexemplar ans Herz gelegt hatte, prophezeite: „Ich
glaube, das Buch wird dir gefallen.“ Nach der ersten Geschichte war ich mir da
kurz nicht sicher; doch im Nachhinein sollte sie Recht behalten.
Literarische Qualität
Gudrun Heyens’ literarisches Können ist von der ersten Seite
an spürbar. Die Autorin, eine frühere Musikprofessorin, schreibt mit der
Präzision einer Musikerin und der Sensibilität einer aufmerksamen Beobachterin.
Jede der zwölf Kurzgeschichten in Im Spiegel ist sorgfältig komponiert. Die
sprachliche Bandbreite von Gudrun Heyens hat mich beeindruckt. Manche
Geschichten wirken leichtfüßig, beinahe heiter, andere wiederum sind von Melancholie
durchzogen. Immer wieder blitzt eine gewisse Ironie auf, die sich an manchen
Stellen zu bissigem Spott steigert. Besonders spürbar in der Erzählung Der
Schreibkurs, die das literarische Umfeld mit liebevoller, aber
treffsicherer Schärfe beleuchtet. Zugleich beherrscht Heyens die feinen
Zwischentöne: In Das Teekännchen entfaltet sie aus einem scheinbar
harmlosen Alltagsgegenstand eine Miniatur über Verlust, Erinnerung und
Neubeginn. Diese Mischung aus Ironie, Ernsthaftigkeit und präziser Beobachtung
macht den Band so überzeugend und sorgt dafür, dass sich die einzelnen
Erzählungen zu einem stimmigen Gesamtwerk fügen.
Psychologische Tiefe
Ob in familiären Konflikten, freundschaftlichen Begegnungen
oder zufälligen Gesprächen: Es steckt immer mehr dahinter, als man auf den
ersten Blick ahnt. Heyens erzählt „in eindringlichen Bildern und einer
feinsinnigen, klaren Sprache“ von Menschen, „die sich verlieren, zerfallen und
neu zusammensetzen“ (Interview Verlag). Ihre Geschichten kreisen um Ängste,
unausgesprochene Sehnsüchte und die Grenzen, an die wir innerlich stoßen. Oft
stehen alte Wunden und versteckte Gefühle im Mittelpunkt und die Frage, wie
ehrlich wir zu uns selbst sind. So wird Im Spiegel letztlich zu einem
„literarischen Mosaik über Identität, Selbsttäuschung und den Mut, sich selbst
zu erkennen“ zusammengesetzt.
Viele Figuren blicken buchstäblich in den Spiegel und
erkennen dort Aspekte ihrer eigenen Persönlichkeit, die sie überraschen. Dabei
schreckt die Autorin nicht vor unangenehmen Wahrheiten zurück. In einem
Interview betont Heyens, Literatur dürfe auch Abgründe ausloten: „Literatur
darf das, muss das dürfen. Die Gedanken sind frei!“ (Interview Verlag) Diese
künstlerische Furchtlosigkeit spürt man in jeder Erzählung. So begleiten wir
etwa in Die Kollegin eine Frau, die mit einer unerwarteten Seite ihrer
selbst konfrontiert wird. Kein Wunder, dass Gudrun Heyens sagt, sie habe an der
Figur Konstanze Blanck in dieser Geschichte „schreibend etwas über
[sich] selbst erfahren“. Durch solche ehrlichen Einblicke wirken die Charaktere
außergewöhnlich lebensecht. Selbst Nebenfiguren haben Tiefe. Man fühlt mit
ihnen, auch wenn sie nicht immer sympathisch sind.
Interessant ist zudem, dass Heyens mit Perspektiven spielt:
Mal erzählt sie aus Sicht eines unsicheren Mannes wie Lukas, mal aus der Sicht
einer Frau in der Krise, mal aus der eines unbeteiligten Beobachters. Gerade
dieser Perspektivenwechsel ermöglicht es, unterschiedliche psychologische
Facetten auszuloten. Die Folge: Man ertappt sich dabei, Verständnis für
Menschen aufzubringen, die man im realen Leben vielleicht vorschnell
verurteilen würde. Die eingangs erwähnte Abscheu wich bei mir zunehmend. Im
Spiegel lädt dazu ein, genauer hinzusehen: auf die Bruchstellen in den
Lebensläufen, auf verdrängte Träume, auf die Verzweiflung.
Gesellschaftliche Relevanz
Obwohl Heyens’ Erzählungen sehr persönlich und intim wirken,
haben sie zugleich eine allgemeine Aussagekraft. Hier wird der Alltag zum
Schauplatz innerer Konflikte und damit auch zum Spiegel gesellschaftlicher
Befindlichkeiten. Beziehungen, Rollenbilder und zwischenmenschliche
Kommunikation sind zentrale Themen. In Paarlauf zum Beispiel erleben wir
ein Ehepaar auf Reisen: Regula und Heiner ringen um Kontrolle und Spontaneität.
Er pocht auf Plan und Karte, sie sehnt sich nach dem Zufallstreffer. Ihre
Urlaubsszenerie mag banal erscheinen, doch dahinter lesen wir die Entfremdung
eines Paares, das an starren Erwartungen festhält. Andere Geschichten
thematisieren die Einsamkeit im Alter, unausgesprochene Konflikte zwischen
Freunden oder den Leistungsdruck im kreativen Schaffen. Immer wieder geht es um
Nähe und Distanz, um Missverständnisse und die Kluft zwischen dem, was Menschen
einander zeigen, und dem, was in ihnen wirklich vorgeht.
Damit liefert Im Spiegel auch Stoff zur
gesellschaftlichen Reflexion. Die Autorin belässt es nicht bei der Oberfläche
des Geschehens, sondern fragt: Was verbirgt sich hinter dem Lächeln einer
Kollegin? Welche Vergangenheit schwingt mit, wenn jemand unverhältnismäßig
heftig reagiert? Indem Heyens die inneren Monologe und geheimen Wünsche ihrer
Protagonisten enthüllt, fordert sie uns auf, voreilige Urteile zu überdenken.
Besonders weibliche Perspektiven finden Gehör. Viele Geschichten kreisen um
Frauen, die zwischen Erwartung und Selbstbestimmung stehen. Dennoch schreibt
Heyens keineswegs nur für Frauen: Ihre Themen sind universell menschlich.
Männer wie Frauen können sich in den Figuren wiedererkennen, sei es in der
stillen Resignation eines alternden Singles oder im Trotz einer verletzten
Seele. Gerade in einer Zeit, in der das Zuhören und Verstehen anderer
Lebenswirklichkeiten oft zu kurz kommen, wirkt dieses Buch erstaunlich aktuell
und relevant.
Persönliche Wirkung
Am Ende habe ich Im Spiegel mit einem Gefühl der
Bereicherung aus der Hand gelegt. Gudrun Heyens gelingt ein Erzählband, der
literarisch anspruchsvoll ist und zugleich unter die Haut geht. Jede Geschichte
spiegelt ein anderes Schicksal, doch zusammen ergeben sie ein facettenreiches
Bild vom Menschsein in all seiner Verletzlichkeit, seinem Mut und seiner
Hoffnung. Die anfängliche Herausforderung, konfrontiert zu werden mit
unbequemen Sichtweisen, verwandelte sich für mich in genau das, was gute
Literatur ausmacht: eine Erweiterung des Blickfelds und ein Anstoß zum
Nachdenken. Oder, um die Literaturbloggerin Heidelinde Penndorf zu zitieren: „Ein
fein komponierter Band … originell und voller Lebenserfahrung. Ein
empfehlenswertes Buch für alle, die sich gern überraschen und bewegen lassen.“
Wer sich für vielschichtige Charakterstudien, Alltagsdramen
und authentische Perspektiven interessiert, wird an diesem Buch Gefallen
finden. Trotz (oder gerade wegen) manch schonungsloser Szene kann ich den Band
wärmstens empfehlen. Er hält uns einen Spiegel vor, in dem wir letztlich ein
Stück von uns selbst entdecken.
Quellenhinweise
Ich habe Im Spiegel vollständig gelesen und meine Eindrücke in dieser Rezension dargelegt. Ergänzend habe ich Informationen von lovelybooks.de und der Verlagsseite sowie aus einem dort veröffentlichten Interview mit Gudrun Heyens herangezogen verlag-stelling.de. Alle zitierten Textstellen stammen aus dem Buch selbst.
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