Hinweis: Ich habe das Buch selbst gekauft. Es handelt sich um eine persönliche Lektüreempfehlung ohne wirtschaftliche Verbindung zur Autorin oder zum Verlag. Aus rechtlichen Gründen kennzeichne ich den Beitrag dennoch als Werbung.
Zart, überwältigend, radikal, unvergesslich: Wenn ein Traum alles
verändert
Die Autorin Han Kang (1970 in Gwangju geboren und seit
ihrem literarischen Debüt 1993 eine feste Größe der südkoreanischen
Literaturszene) wurde 2024 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Die
schwedische Akademie lobte ihre „intensive poetische Prosa, die historische
Traumata konfrontiert und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens
offenlegt“. Doch schon lange vor dieser Auszeichnung machte ihr Roman Die Vegetarierin
Furore: Er erschien 2007, gewann 2016 den International Booker Prize
und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. Die deutsche Ausgabe ist 2016 im
Aufbau Verlag erschienen (Übersetzung: Ki‑Hyang Lee) und wurde
2024, im Jahr des Nobelpreises, neu aufgelegt.
Die Handlung klingt zunächst schlicht: Yong‑Hye, eine pflichtbewusste Hausfrau, wirft eines Nachts das Fleisch aus dem Kühlschrank und erklärt ihrem überraschten Mann, dass sie kein Fleisch mehr essen werde, denn sie habe einen Traum gehabt. In einer Gesellschaft wie Südkorea, in der gemeinsames Essen und Fleischgerichte eine wichtige soziale Rolle spielen, wird dieser Verzicht zum Akt der Rebellion. Yong‑Hye zieht sich immer weiter zurück, weigert sich zu essen und fantasiert davon, eine Pflanze zu werden. Die Familie reagiert mit Unverständnis und Gewalt, und die passive Auflehnung der Protagonistin nimmt immer extremere Formen an. Schon an dieser Stelle zeigt sich, dass es nicht um eine Lifestyle‑Entscheidung, sondern um etwas viel Größeres.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die aus der Sicht
ihres Ehemanns, ihres Schwagers und ihrer Schwester erzählt werden. Yong‑Hye
selbst spricht fast nie; ihre innere Stimme erscheint nur in traumhaften
Bildern. Das Schweigen der Protagonistin wird so zum literarischen Mittel, um
ihre Auslöschung in einer patriarchalen Umgebung zu zeigen.
Literarische Qualität
Han Kang ist ursprünglich Lyrikerin, und ihr romaneskes
Debüt zeigt eine Sprache, die schnörkellos und doch poetisch ist. Pressestimmen
loben das Buch als „zartes, leises, surreales Widerstandsbuch von ungeheurer
Kraft“ und betonen die Präzision ihrer Bilder. Mir selbst ist aufgefallen,
wie konsequent sie einzelne Motive (Blut, Pflanzen, Körper) leitmotivisch
einsetzt. In einem Interview erzählte Han Kang, sie lege beim Schreiben
großen Wert auf Sinneseindrücke; sie wolle ihre Sätze mit einem „elektrischen
Strom“ füllen, der die Leser*innen förmlich berührt. Diese Bildhaftigkeit
ist in der deutschen Übersetzung spürbar: Ki‑Hyang Lee trifft den Ton des
Originals und überträgt die visuelle Kraft der Bilder kongenial.
Der Aufbau des Romans ist ungewöhnlich. Weil Yong‑Hye kaum
selbst zu Wort kommt, entsteht eine Leerstelle, die andere Protagonisten zu
füllen versuchen. Der erste Teil wird vom Ehemann erzählt, der seine Frau als „durchschnittlich“
beschreibt und ihre Weigerung, Fleisch zu essen, als Zumutung empfindet. Im
zweiten Teil berichtet der Schwager, ein Videokünstler, der Yong‑Hye in ein
obsessives Kunstprojekt verstrickt. Der dritte Teil gehört der Schwester In‑Hye,
die zwischen Pflichtbewusstsein und Mitgefühl hin‑ und hergerissen ist. Die
Multiperspektivität lässt die Protagonistin wie einen Spiegel wirken: Jeder
projiziert seine Erwartungen auf sie, aber niemand versteht sie.
Psychologische Tiefe
Han Kangs Roman ist kein Plädoyer für Vegetarismus,
sondern eine parabelhafte Untersuchung von Identität, Trauma und weiblicher
Autonomie. Die Autorin wollte, wie sie in einem Interview erklärte, den Fragen
nach dem Menschsein bis zum Ende nachgehen. Antworten gebe es keine, nur die
Auseinandersetzung mit der eigenen Menschlichkeit. Yong‑Hyes Entscheidung,
kein Fleisch mehr zu essen, entspringt einem Albtraum, in dem sie rohes Fleisch
kaute und ihr Gesicht zur Fratze wurde. Die Szene ist verstörend und markiert
den Beginn einer Reise in die Dunkelheit. Die Gewalt, die Yong‑Hye erlebt, ist
körperlich und psychisch. Ihr Mann fühlt sich von ihr provoziert und
vergewaltigt sie. Bei einem Familienessen zwingt der Vater ihr Fleisch in den
Mund und schlägt sie. Als sie schließlich im Krankenhaus landet, leckt sie an
ihrer Schnittwunde, als wolle sie die Grenzen ihres Körpers auflösen. Diese
Szenen sind schwer zu ertragen, doch sie dienen der Autorin, die Mechanismen
patriarchaler Gewalt sichtbar zu machen. Der Roman erinnert in seinem düsteren
Ton und der absurden Verwandlung an Kafka. Yong‑Hye verweigert sich allen
Erwartungen: sie isst nicht, arbeitet nicht, existiert kaum. Die Süddeutsche
Zeitung deutet sie als „weiblichen Bartleby des 21. Jahrhunderts“;
ihre Verweigerung ist so radikal, dass sie niemand mehr greifen kann. Diese
psychologische Radikalität führt die Leser*innen an die Grenze des Erträglichen
und genau darin liegt die Stärke des Romans.
Gesellschaftliche Relevanz
Obwohl der Roman in Südkorea spielt, ist seine Botschaft
universell. In Korea gilt vegetarische Ernährung als subversiv; Yong‑Hyes
Verhalten löst daher Scham und Gewalt aus. Doch Han Kang geht es nicht um
eine spezifisch koreanische Kritik. Sie betont selbst, dass das patriarchale
System, gegen das ihre Figur aufbegehrt, überall existiert. Die Reaktionen der
Familie zeigen, wie stark Körper und Essen in patriarchalen Strukturen
kontrolliert werden. Das Buch wurde vielfach als Allegorie gelesen: Yong‑Hye
verwandelt sich in eine Pflanze, um dem ständigen Zugriff auf ihren Körper zu
entkommen. Diese Metapher ist radikal, weil sie der Protagonistin die
Menschlichkeit entzieht; nur so kann sie sich auch den Erwartungen entziehen.
Pressestimmen wie die NZZ würdigen, dass der Roman „die großen Fragen der
Gegenwart aufwirft, sie aber radikal anders beantwortet“. Han Kang
verbindet damit auch eine Auseinandersetzung mit Gewalt in der koreanischen
Geschichte; ihr Werk Human Acts etwa verarbeitete das Gwangju‑Massaker
und wurde ebenfalls international beachtet.
Persönliche Wirkung
Die Vegetarierin hat mich tief getroffen. Ich
bin selten sprachlos, doch hier war ich es. Han Kangs knapp zweihundert
Seiten lange Erzählung entfaltet eine bedrückende, hypnotische Wirkung. Der
nüchterne Ton des ersten Teils, der obsessive Blick des Schwagers und die
hilflose Liebe der Schwester erzeugen einen Sog, der mich in die Einsamkeit der
Protagonistin hineinzog. Gleichzeitig bewunderte ich die formale Konsequenz:
Die Sprachbilder sind scharf, die Struktur ist klar, kein Wort steht zu viel. Psychologisch
verlangte mir das Buch viel ab. Die geschilderten Übergriffe und das langsame
Verstummen Yong‑Hyes gingen mir unter die Haut. Aber gerade die
Schonungslosigkeit machte den Text für mich so wichtig. Er führt vor, wie
schwer es ist, sich in einer patriarchalen Welt eine eigene Identität zu
bewahren und wie einsam der Widerstand sein kann. Als Lektorin denke ich bei
neuen Manuskripten oft darüber nach, wie Figuren sprechen und wie viel sie
preisgeben. Han Kangs Entscheidung, ihrer Protagonistin (fast) keine
eigene Stimme zu geben, wirkte auf mich zunächst irritierend. Beim Lesen wurde
mir jedoch klar, wie wirkungsvoll diese Leerstelle ist: Sie zwingt uns, Yong‑Hye
über die Augen der anderen zu sehen und offenbart so die Grenzen unserer
Empathie.
Wer bereit ist, sich auf einen verstörenden, überwältigenden,
poetischen und hochpolitischen Roman einzulassen, wird Die Vegetarierin
nicht so schnell vergessen können.
Quellenhinweise
Neben meiner eigenen Lektüre stammen ergänzende Informationen zum Buch aus Interviews und Rezensionen von: deutschlandfunk.de, sueddeutsche.de, sommerdiebe.de, literaturcafe.de, aufbau-verlage.de, theguardian.com, thebookerprizes.com.

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