Josinio – Der verschwundene Kürbis – Celine Kahl | Eine Rezension

Hinweis: Ich habe im Vorfeld das Lektorat und Korrektorat für dieses Buch übernommen. [Werbung]

Eine detektivische Halloween-Kurzgeschichte für Erstleser

Drei Freunde (Josinio, Luan und Levi) nennen sich selbstbewusst „Die kleinen Grashüpfer“. An Halloween wollen sie Süßigkeiten sammeln und sich ein wenig gruseln, doch dann verschwindet bei ihrer Nachbarin Frau Müller ein aufblasbarer Kürbis. Für die drei wird die Halloween‑Nacht plötzlich zu einem Detektivfall: War es etwa der freche Ben aus dem Nachbarhaus oder steckt etwas anderes dahinter?

Celine Kahl ist eine Autorin, die ihren Job als Lehrerin aufgegeben hat und nun unter ihrem Indie-Label BOGIKLU Kinderbücher veröffentlicht. Seit der Geburt ihres Kindes publiziert sie Geschichten, mit denen sie auch andere Kinder begeistern möchte.

Literarische Qualität

Josinio – Der verschwundene Kürbis ist als Erstlesegeschichte konzipiert, was sich in der literarischen Machart deutlich widerspiegelt. Die Sprache ist einfach und klar, in kurzen Sätzen gehalten. Die Autorin spielt mit Reimen, lautmalerischen Ausrufen und Wiederholungen, ohne dass der Text in Kitsch abrutscht. Besonders gelungen ist die Spannungskurve: Nach einer fröhlichen Einstimmung mit Kostümwahl und Gruselkulisse verschwindet der Kürbis. Sofort stehen erste Verdächtigungen im Raum, und man fiebert mit den kleinen Ermittler*innen mit. Celine Kahl baut jede Szene sorgfältig auf. Die Beschreibungen erzeugen eine lebendige Bildwelt und sorgen dafür, dass sich auch erwachsene Vorlesende nicht langweilen. Die Auflösung des Falls ist plausibel, humorvoll und für Kinder nachvollziehbar. Als Lektorin schätze ich, wie konsequent die Autorin die Neugier ihrer Zielgruppe bedient: Über die verschiedenen Indizien hinweg werden die Kinder selbst zu Detektiven und lernen, Beobachtungen logisch zu verknüpfen. Die Figuren sind klar konturiert. Josinio, Luan und Levi verkörpern Mut, Neugier und Teamgeist. Ihre Dialoge wirken echt und kindlich. Kurze, wörtliche Rede trägt die Geschichte; didaktische Botschaften werden unaufdringlich vermittelt. Illustrationen unterstützen den Text, ohne ihn zu überladen.

Psychologische Tiefe

Hinter der einfachen Handlung steckt eine feinfühlige Auseinandersetzung mit Gefühlen wie Angst und Ausgrenzung. Die Figur des Nachbarsjungen, der sich im Haus verbarrikadiert und Halloween für „Babys“ hält, wird zunächst verdächtigt. Erst am Ende gesteht er, dass er Angst hat. Statt ihn auszulachen, nehmen die kleinen Grashüpfer ihn an die Hand und ermutigen ihn, mitzukommen. Diese Wendung zeigt, wie wichtig es ist, hinter einer abweisenden Haltung die tatsächlichen Gefühle zu erkennen und Freundschaft anzubieten. Auch die Reaktion der Nachbarin Frau Müller ist menschlich: Vor lauter Ärger beschuldigt sie vorschnell den „Lausebengel“. Die Geschichte regt dazu an, über Vorurteile und vorschnelle Urteile zu sprechen. Indem Celine Kahl die Kinder eigene Schlüsse ziehen, vermittelt sie eine positive Haltung zur Problemlösung und ermutigt dazu, auf Fakten statt auf Gerüchte zu hören.

Für mich als Lektorin, die den Text begleiten durfte, ist besonders schön zu sehen, wie die Geschichte Kinder mit ihren Ängsten ernst nimmt, ohne sie zu beschämen. Das Motiv der Freundschaft wird ehrlich behandelt: Konflikte werden benannt, Lösungen gemeinsam gesucht. Die Botschaft, dass einfühlsames Zuhören und Zusammenhalt Ängste überwinden helfen, ist universell.

Gesellschaftliche Relevanz

Obwohl es sich um eine kurze Halloween‑Geschichte handelt, berührt das Buch Themen, die über die konkrete Handlung hinausweisen. In Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten oft von Schuldzuweisungen und Polarisierung geprägt sind, zeigt dieses Kinderbuch, wie wichtig es ist, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Der Verdacht, dass der Nachbarsjunge der Dieb sein könnte, wird schnell widerlegt; statt Häme gibt es eine Entschuldigung und eine Einladung zum Mitmachen. Der Umgang mit Angst steht im Zentrum. Halloween wird hier nicht als harmloser Spaß für alle dargestellt, sondern als Anlass, über unterschiedliche Grenzen zu sprechen. Dadurch entsteht eine gute Möglichkeit, mit Kindern über ihre Ängste und über Ausgrenzungserfahrungen ins Gespräch zu kommen.

Auch die Entstehung des Buches ist interessant. Celine Kahl veröffentlicht ihre Kinderbücher im Selbstverlag (BoD) und zeigt damit, wie Selfpublishing zur Vielfalt in der Kinderliteratur beiträgt. Ihr Engagement für kindgerechte Stadtführer und frühe Leseerlebnisse ermutigt hoffentlich auch andere Autor*innen, eigene Projekte zu verwirklichen. In meinem beruflichen Alltag begegnen mir immer wieder Menschen mit Legasthenie und anderen Hürden. Bücher wie dieses beweisen, dass einfache Sprache und liebevolle Gestaltung wunderbare Lesewelten eröffnen können.

Persönliche Wirkung

Ich gebe offen zu: Bei der Arbeit an dieser Geschichte habe ich an meine eigene Kindheit gedacht. Halloween war damals noch kein großes Thema, aber das Gefühl, gemeinsam Abenteuer zu erleben, verbindet Generationen. Die Mischung aus Grusel und Geborgenheit, die die Autorin schafft, hat mich berührt. Ich schätze die klare Struktur und den respektvollen Umgang mit den Protagonist*innen. Celine Kahl zeigt, dass man komplizierte Themen wie Angst und Vorurteile auch in kindgerechter Sprache behandeln kann, ohne zu belehren. Mir gefiel besonders, wie die Kinder ihre Hilfe anbieten und damit zeigen, dass Mut oft im Miteinander entsteht.

 

Quellenhinweise

Neben meiner persönlichen Lektüre während des Lektorats wurden folgende Quellen für ergänzende Informationen hinzugezogen: thenile.com.au, orellfuessli.ch, lovelybooks.de.

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