Leipziger Buchmesse 2026 | Persönlicher Recap

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Zwischen Bücherliebe und Reizüberflutung

In diesem Jahr war die Leipziger Buchmesse (LBM) anders. Ich fahre jedes Jahr am Donnerstag zur Buchmesse. Das war lange mein Trick. Ein Tag mitten in der Woche und dementsprechend ein bisschen weniger Trubel. Dadurch gleichzeitig auch ein bisschen mehr Raum für Gespräche.
In diesem Jahr hat der Trick leider nicht mehr funktioniert.

Schon am Einlass habe ich gemerkt, dass sich etwas verändert hat. Die Besucherströme wurden gelenkt und aufgeteilt. Trotzdem stand ich zwischen Menschen, die alle zur gleichen Zeit genau dasselbe wollten: rein. Und zwar pünktlich zehn Uhr zur Eröffnung. Es wurde gemurrt, geschoben, gewartet, gedrängelt, gemeckert. Ich stand mittendrin und dachte kurz, ob ich mir das wirklich antun möchte.

Tausende Menschen am ersten Messetag

Die LBM war schon immer groß. Aber dieses Jahr hatte ich das Gefühl, dass sie noch einmal gewachsen ist. Ein paar Zahlen dazu: Über 2.000 Aussteller aus vielen Ländern, mehrere Hallen, dazu die Manga Comic Con und das Lesefestival „Leipzig liest“ mit tausenden Veranstaltungen in der ganzen Stadt. Leipzig wird für ein paar Tage zu einem Ort, an dem sich alles um Bücher dreht und an dem Ausnahmezustand herrscht. Genau das merkt man auch. Es ist laut und voll und manchmal einfach zu viel. Ich glaube, ich war noch nie so überreizt von einer Buchmesse wie dieses Mal.

Mit Plan durch das Chaos

Ich hatte mir diesmal einen ziemlich genauen Plan gemacht mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Lesungen. Ich wollte Input. Und das hat sich gelohnt.

Besonders hängen geblieben ist mir der Vortrag „Selfpublishing Next Level“ vom Selfpublisher-Verband. Drei Autorinnen, die vom Schreiben leben, haben erzählt. Es war eine ehrliche Diskussion, in der es um Zahlen, Strategien, Sichtbarkeit und Durchhaltevermögen ging. Und ich saß da und dachte: Das ist längst keine Nische mehr. Selfpublishing war auf dieser Messe so präsent wie noch nie. Eigene Bühnen, eigene Themen, eigene Stimmen, eigene Stände. Und vor allem: absolut professionell.

Auch der Vortrag zum Aufbau einer Autorenmarke hat bei mir einiges angestoßen. Vieles davon begleitet mich ohnehin in meiner Arbeit, aber es war spannend zu sehen, wie stark sich der Fokus verschiebt. Weg vom einzelnen Buch, hin zur Person dahinter.

Zwischen Bühnen und Begegnungen

Was ich an der LBM liebe, sind diese kleinen Momente dazwischen. Ich bleibe bei einer Lesung stehen, obwohl ich eigentlich woanders hin wollte. Ich setze mich (natürlich auf den Boden, weil alle Plätze längst weg sind), höre zu, und vergesse kurz die Zeit. Genau so ist es mir dieses Jahr auch passiert. Eine geplante Veranstaltung habe ich gestrichen, weil mich eine andere nicht mehr losgelassen hat. Überall auf der Messe verteilt stehen Lesebühnen. Man stolpert fast darüber.

Am Nachmittag war ich bei der Verleihung des Leipziger Buchpreises. Einer der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum, vergeben in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. In diesem Jahr wurde unter anderem Goldstrand  von Katerina Poladjan ausgezeichnet. Ein Buch, das sich mit Herkunft, Erinnerung und Identität auseinandersetzt und damit ziemlich genau den Ton trifft, den viele aktuelle literarische Stimmen anschlagen.

Netzwerken zwischen Menschenmengen

Ich nutze die Messe immer auch, um Kontakte zu pflegen, Gespräche zu führen und neue Menschen kennenzulernen. Das war dieses Jahr schwieriger. Grundsätzlich waren die Aussteller natürlich da und auch bereit. Aber es herrschte dermaßen viel Trubel, dass Gespräche eher kurz und flüchtig ausfielen. Ein wirklicher Austausch kam kaum zustande. Oft musste ich auch ausweichen oder wurde weitergeschoben von der Menge. Das fand ich schade und es hat mir ein bisschen gefehlt.

An- und Abreise im Ausnahmezustand

Schon die Zugfahrt war ein kleines Abenteuer. Voll ist kein Ausdruck mehr. Es wurde gedrängt und gequetscht. Ich musste immer wieder an diese Bilder aus überfüllten U-Bahnen in China denken. Und trotzdem: Es hat funktioniert. Überall standen Bahnmitarbeiter, haben Wege erklärt, Verspätungen entschuldigt, Durchsagen gemacht und versucht, das Chaos zu minimieren.

Auch auf dem Messegelände. Überall standen Menschen, die Fragen beantwortet haben und Wege gezeigt haben. Ich hatte das Gefühl, alle geben ihr Bestes.

Trotzdem habe ich so viele negative, teils abfällige Gespräche von unzufriedenen Besuchern gehört. Dabei muss jedem klar sein, dass die LBM eine Großveranstaltung ist. In diesem Jahr wahrscheinlich so groß wie nie zu vor (zumindest habe ich das so empfunden). Darauf muss man sich einlassen. Man muss akzeptieren, dass nicht alles reibungslos läuft und das man anstehen muss.

Drei Bücher und eine lange Liste

Ich habe natürlich auch viele Bücher entdeckt. Darum geht es schließlich hauptsächlich. Am Ende sind drei mit mir nach Hause gekommen. Der Rest steht jetzt auf meiner Leseliste. Ein bisschen Vorfreude für später.

Die Manga Comic Con habe ich nur gestreift. Ein kurzer Blick in Halle 1, mehr nicht. Ich wusste, dass mein Kopf das nicht mehr schafft. Hier habe ich für mich selbst beschlossen: Man muss sich nicht alles ansehen. Ohnehin hätte mich nur die Neugier dorthin getrieben. Es ist schlichtweg nicht meine Welt.

Hat sich die Stimmung verändert?

Ich finde, die Grundstimmung auf der LBM hat sich verändert. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob ich mir das nur einbilde. Die LBM war für mich immer der Gegenentwurf zu Frankfurt. Weniger Business, lockerer, zugänglicher, ein bisschen verspielter, irgendwie auch edgy. Eine Messe, auf der man sich treiben lassen konnte, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas verpassen zu müssen. Dieses Jahr hat sich das anders angefühlt. Ich habe mehr Unruhe wahrgenommen. Mehr Ungeduld, mehr dieses Genervtsein, das in Gesprächen mitschwingt oder sich in Blicken zeigt, wenn es irgendwo nicht schnell genug geht. Vielleicht lag es an den Menschenmassen. Vielleicht lag es an mir. Oder vielleicht hat es auch mit der aktuellen Lage im Buchmarkt zu tun. Denn die ist angespannt.

2023 ist der Umsatz im deutschen Buchmarkt laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels nur minimal gewachsen, real, also inflationsbereinigt, sogar gesunken. Gleichzeitig steigen Produktionskosten, Papierpreise und Vertriebsaufwände. Viele Verlage arbeiten vorsichtiger und Programme werden enger geplant. Auch im Handel spürt man Veränderungen. Weniger Spontankäufe, mehr Zurückhaltung. Leser*innen entscheiden bewusster, was sie kaufen.

Und dann stehen da auf der Messe all diese Menschen, die genau davon leben oder leben wollen. Vielleicht erklärt das etwas die kritische Stimmung, die ich dieses Jahr wahrgenommen habe. Ich weiß nicht, ob das ein einmaliger Eindruck war. Oder ob sich hier gerade wirklich etwas verändert.

Erschöpfung und Fazit

Am Ende des Tages war ich komplett erschöpft. Dieses müde, volle Gefühl im Kopf, wenn zu viele Eindrücke gleichzeitig da waren. Nicht nur meine Füße waren platt, sondern mein gesamter Körper.

Gleichzeitig weiß ich aber, warum ich das mache. Ich arbeite jeden Tag mit Texten. Ich begleite Autor*innen und Indie-Verlage, sehe Manuskripte wachsen, ringe mit ihnen um Figurenlogik, Dramaturgie, Sprache, Stil, Spannungsbogen und noch so viel mehr.

Und dann sehe ich auf der Messe, was daraus werden kann. Bücher in den Händen von Leser*innen. Stimmen auf Bühnen. Geschichten, die ihren Platz finden. Menschen, die Literatur feiern.

Die LBM ist kein ruhiger Ort. Sie ist laut, anstrengend und überfordernd. Aber sie zeigt auch, wie lebendig Literatur ist.

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