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Zwischen Bücherliebe und Reizüberflutung
In diesem Jahr war die Leipziger Buchmesse (LBM) anders. Ich
fahre jedes Jahr am Donnerstag zur Buchmesse. Das war lange mein Trick. Ein Tag
mitten in der Woche und dementsprechend ein bisschen weniger Trubel. Dadurch
gleichzeitig auch ein bisschen mehr Raum für Gespräche.
In diesem Jahr hat der Trick leider nicht mehr funktioniert.
Schon am Einlass habe ich gemerkt, dass sich etwas verändert
hat. Die Besucherströme wurden gelenkt und aufgeteilt. Trotzdem stand ich
zwischen Menschen, die alle zur gleichen Zeit genau dasselbe wollten: rein. Und
zwar pünktlich zehn Uhr zur Eröffnung. Es wurde gemurrt, geschoben, gewartet,
gedrängelt, gemeckert. Ich stand mittendrin und dachte kurz, ob ich mir das
wirklich antun möchte.
Tausende Menschen am ersten Messetag
Die LBM war schon immer groß. Aber dieses Jahr hatte ich das
Gefühl, dass sie noch einmal gewachsen ist. Ein paar Zahlen dazu: Über 2.000
Aussteller aus vielen Ländern, mehrere Hallen, dazu die Manga Comic Con und das
Lesefestival „Leipzig liest“ mit tausenden Veranstaltungen in der ganzen Stadt.
Leipzig wird für ein paar Tage zu einem Ort, an dem sich alles um Bücher dreht und
an dem Ausnahmezustand herrscht. Genau das merkt man auch. Es ist laut und voll
und manchmal einfach zu viel. Ich glaube, ich war noch nie so überreizt von
einer Buchmesse wie dieses Mal.
Mit Plan durch das Chaos
Ich hatte mir diesmal einen ziemlich genauen Plan gemacht
mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Lesungen. Ich wollte Input. Und das hat
sich gelohnt.
Besonders hängen geblieben ist mir der Vortrag „Selfpublishing
Next Level“ vom Selfpublisher-Verband. Drei Autorinnen, die vom Schreiben leben,
haben erzählt. Es war eine ehrliche Diskussion, in der es um Zahlen, Strategien,
Sichtbarkeit und Durchhaltevermögen ging. Und ich saß da und dachte: Das ist
längst keine Nische mehr. Selfpublishing war auf dieser Messe so präsent wie
noch nie. Eigene Bühnen, eigene Themen, eigene Stimmen, eigene Stände. Und vor
allem: absolut professionell.
Auch der Vortrag zum Aufbau einer Autorenmarke hat bei mir
einiges angestoßen. Vieles davon begleitet mich ohnehin in meiner Arbeit, aber
es war spannend zu sehen, wie stark sich der Fokus verschiebt. Weg vom
einzelnen Buch, hin zur Person dahinter.
Zwischen Bühnen und Begegnungen
Was ich an der LBM liebe, sind diese kleinen Momente
dazwischen. Ich bleibe bei einer Lesung stehen, obwohl ich eigentlich woanders
hin wollte. Ich setze mich (natürlich auf den Boden, weil alle Plätze längst
weg sind), höre zu, und vergesse kurz die Zeit. Genau so ist es mir dieses Jahr
auch passiert. Eine geplante Veranstaltung habe ich gestrichen, weil mich eine
andere nicht mehr losgelassen hat. Überall auf der Messe verteilt stehen
Lesebühnen. Man stolpert fast darüber.
Am Nachmittag war ich bei der Verleihung des Leipziger
Buchpreises. Einer der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum,
vergeben in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. In diesem
Jahr wurde unter anderem Goldstrand von Katerina Poladjan ausgezeichnet. Ein Buch,
das sich mit Herkunft, Erinnerung und Identität auseinandersetzt und damit
ziemlich genau den Ton trifft, den viele aktuelle literarische Stimmen
anschlagen.
Netzwerken zwischen Menschenmengen
Ich nutze die Messe immer auch, um Kontakte zu pflegen,
Gespräche zu führen und neue Menschen kennenzulernen. Das war dieses Jahr schwieriger.
Grundsätzlich waren die Aussteller natürlich da und auch bereit. Aber es
herrschte dermaßen viel Trubel, dass Gespräche eher kurz und flüchtig ausfielen.
Ein wirklicher Austausch kam kaum zustande. Oft musste ich auch ausweichen oder
wurde weitergeschoben von der Menge. Das fand ich schade und es hat mir ein
bisschen gefehlt.
An- und Abreise im Ausnahmezustand
Schon die Zugfahrt war ein kleines Abenteuer. Voll ist kein
Ausdruck mehr. Es wurde gedrängt und gequetscht. Ich musste immer wieder an
diese Bilder aus überfüllten U-Bahnen in China denken. Und trotzdem: Es hat
funktioniert. Überall standen Bahnmitarbeiter, haben Wege erklärt, Verspätungen
entschuldigt, Durchsagen gemacht und versucht, das Chaos zu minimieren.
Auch auf dem Messegelände. Überall standen Menschen, die
Fragen beantwortet haben und Wege gezeigt haben. Ich hatte das Gefühl, alle
geben ihr Bestes.
Trotzdem habe ich so viele negative, teils abfällige
Gespräche von unzufriedenen Besuchern gehört. Dabei muss jedem klar sein, dass
die LBM eine Großveranstaltung ist. In diesem Jahr wahrscheinlich so groß wie
nie zu vor (zumindest habe ich das so empfunden). Darauf muss man sich einlassen.
Man muss akzeptieren, dass nicht alles reibungslos läuft und das man anstehen
muss.
Drei Bücher und eine lange Liste
Ich habe natürlich auch viele Bücher entdeckt. Darum geht es
schließlich hauptsächlich. Am Ende sind drei mit mir nach Hause gekommen. Der
Rest steht jetzt auf meiner Leseliste. Ein bisschen Vorfreude für später.
Die Manga Comic Con habe ich nur gestreift. Ein kurzer Blick
in Halle 1, mehr nicht. Ich wusste, dass mein Kopf das nicht mehr schafft. Hier
habe ich für mich selbst beschlossen: Man muss sich nicht alles ansehen.
Ohnehin hätte mich nur die Neugier dorthin getrieben. Es ist schlichtweg nicht
meine Welt.
Hat sich die Stimmung verändert?
Ich finde, die Grundstimmung auf der LBM hat sich verändert.
Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob ich mir das nur einbilde. Die LBM war
für mich immer der Gegenentwurf zu Frankfurt. Weniger Business, lockerer,
zugänglicher, ein bisschen verspielter, irgendwie auch edgy. Eine Messe, auf
der man sich treiben lassen konnte, ohne ständig das Gefühl zu haben, etwas
verpassen zu müssen. Dieses Jahr hat sich das anders angefühlt. Ich habe mehr
Unruhe wahrgenommen. Mehr Ungeduld, mehr dieses Genervtsein, das in Gesprächen
mitschwingt oder sich in Blicken zeigt, wenn es irgendwo nicht schnell genug
geht. Vielleicht lag es an den Menschenmassen. Vielleicht lag es an mir. Oder
vielleicht hat es auch mit der aktuellen Lage im Buchmarkt zu tun. Denn die ist
angespannt.
2023 ist der Umsatz im deutschen Buchmarkt laut Börsenverein
des Deutschen Buchhandels nur minimal gewachsen, real, also
inflationsbereinigt, sogar gesunken. Gleichzeitig steigen Produktionskosten,
Papierpreise und Vertriebsaufwände. Viele Verlage arbeiten vorsichtiger und
Programme werden enger geplant. Auch im Handel spürt man Veränderungen. Weniger
Spontankäufe, mehr Zurückhaltung. Leser*innen entscheiden bewusster, was sie
kaufen.
Und dann stehen da auf der Messe all diese Menschen, die genau davon leben oder leben wollen. Vielleicht erklärt das etwas die kritische Stimmung, die ich dieses Jahr wahrgenommen habe. Ich weiß nicht, ob das ein einmaliger Eindruck war. Oder ob sich hier gerade wirklich etwas verändert.
Erschöpfung und Fazit
Am Ende des Tages war ich komplett erschöpft. Dieses müde,
volle Gefühl im Kopf, wenn zu viele Eindrücke gleichzeitig da waren. Nicht nur
meine Füße waren platt, sondern mein gesamter Körper.
Gleichzeitig weiß ich aber, warum ich das mache. Ich arbeite
jeden Tag mit Texten. Ich begleite Autor*innen und Indie-Verlage, sehe
Manuskripte wachsen, ringe mit ihnen um Figurenlogik, Dramaturgie, Sprache,
Stil, Spannungsbogen und noch so viel mehr.
Und dann sehe ich auf der Messe, was daraus werden kann. Bücher
in den Händen von Leser*innen. Stimmen auf Bühnen. Geschichten, die ihren Platz
finden. Menschen, die Literatur feiern.
Die LBM ist kein ruhiger Ort. Sie ist laut, anstrengend und überfordernd. Aber sie zeigt auch, wie lebendig Literatur ist.

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